Früher gab es Frauenromane, da waren die Männer immer wahre Helden: Sie wohnten auf Schlössern, waren Ärzte oder sonstwie bedeutend und immer edel, hilfreich und gut. Heute gibt es Frauenbücher, da sind die Männer immer Fieslinge: pedantisch, geizig, rechthaberisch und unsensibel.

Edgar zum Beispiel, der den Kaffee in den Autobahnraststätten ungenießbar findet und es seiner Frau überläßt, die Kinder zu beruhigen, wenn sie ohne Pause in den Urlaub donnern. Oder Derek, ein Traum von einem Ehemann, attraktiv, verständnisvoll, sanft und Ferrari-Fahrer. Natürlich glaubt niemand seiner Frau, daß er ihr hinter verschlossener Tür Haare ausreißt, Zähne ausschlägt und ihr voller Jähzorn in den Bauch tritt. Die Polizei schickt die geschundene Frau mit dem Rat, sich anständig zu benehmen, nach Hause, und Maureen, eine Freundin der Familie, erklärt sie für hysterisch, spricht von krankhaftem Haarausfall und ist glücklich, als die Ehe geschieden wird und sie selbst den Traummann Derek heiraten kann. Die Frauen sind nicht besser als die Männer, das ist eine Überraschung, die den Gattungsbegriff „Frauenbuch“ ein wenig durcheinanderbringt.

Schließlich haben wir uns alle daran gewöhnt, daß Literatur nicht Lebenshilfe bedeutet, daß die Welt aufgeteilt ist in flott geschriebene Ratgeber und Bücher, die die subtilen Bedürfnisse des literarischen Geschmacks befriedigen. Fay Weldon unterläuft diese Zweiteilung. Ihre Geschichten sind flott geschrieben und stecken voller Lebenshilfen, doch die parteiliche, kämpferische, aber letztlich konzessionslose Beobachtungsgabe bringt sie zum Leuchten. Jeder findet etwas von sich selber darin wieder. Unabhängig vom Geschlecht, denn die radikalsten Beobachtungen Fay Weldons gelten dem Zynismus des Lebens, dem sich keiner entziehen kann.

In der Geschichte „Nichts ist von Dauer“ treffen sich zwei Schulfreundinnen nach Jahrzehnten wieder. Die eine hat es zu einem fashionablen Friseursalon gebracht, die andere hat eine Karriere als Schauspielerin und Nachtclubsängerin hinter sich, aber jetzt ist sie am Ende, und nach dem Besuch beim Friseur bleibt ihr nichts mehr, nicht einmal mehr ihr Haar. Sieger und Verlierer scheinen von Anfang an festzustehen, doch dann geschieht das Unglaubliche: Während man die Geschichte liest, beginnt man die Verliererin zu beneiden, die nichts hat, aber auf ein unendlich reicheres Leben zurückblickt als ihre Freundin, die es mit zähem Ringen zu einem Friseursalon, bescheidenem Wohlstand und einem Heim nebst Tiefkühltruhe und Ehemann gebracht hat.

Nachdem bei dem verzweifelten Versuch, noch einmal platinblond wie in den Fünfzigern zu werden, die Haare büschelweise ausgefallen sind (immer die Haare!), entschließt sich der gesunkene Star, mit Glatze aufzutreten. Als kahle Nachtclubsängerin feiert sie ein triumphales Comeback. Wenn Fay Weldon mit literarischer Bedenkenlosigkeit die Mythen des Illustriertenzeitalters und des absurden Theaters mischt, darf man ihre Geschichten wahrscheinlich gar nicht mit dem grüblerischen Tiefsinn eines deutschen Kritikers lesen. Vielmehr sollten Mann wie Frau eine ganze Menge Humor und Selbstironie mitbringen, denn Fay Weldon ist nichts heilig, schon gar nicht die Familie, aber ihre Beschreibungen sind zutreffend und eine literarische Klasse für sich. Frank Busch

  • Fay Weldon:

Der Mann ohne Augen

Stories; aus dem Englischen von Sigrid Ruschmeier; Verlag Antje Kunstmann, München 1991; 214 S., 29,80 DM