Und der Herr Professor aus Wien, Venedig und Neuseeland hielt für einen Augenblick inne beim Malen silberner und goldener Spiralen. Er stieg herab in unseren Alltag und sah, daß alles ungut war. Vor allem die Häuser, in denen wir leben müssen, unsere „dritte Haut“: überall nur gerade Linien. Nackte Wände und gerade Linien.

Die gerade Linie macht die Menschen krank.

Friedensreich Hundertwasser beschloß, uns zu heilen, uns von dieser Krankheit zu befreien. Er schuf Entwürfe für eine neue Art von Häusern: mit welligen Boden, Humus-Klos in windschiefen Räumen, Mosaiken aus zerschlagenen Kacheln an den Außenwänden. Weil seine Spiralen ihn zu einem weltbekannten Künstler gemacht haben und wohl weil in seiner Heimat Österreich die Sturheit unter die positiven Eigenschaften gereiht wird, wurden Hundertwassers Pläne für einige öffentliche Bauten sogar verwirklicht.

Seitdem ist der schiefen Sichten kein Halten mehr. Hundertwasser kommt, auch nach Deutschland.

Eingeflogen hat ihn die BHW-Gruppe aus Hameln, mit 5000 hauptberuflichen Mitarbeitern die zweitgrößte private Bausparkasse hierzulande und zudem „moderner Mehrfinanzdienstleister“, worunter wir uns eine Kreuzung aus Bank und Versicherung vorstellen können. In Hamburg präsentierten Hundertwasser und BHW (vormals Beamtenheimstättenwerk) eine Ausstellung von dreizehn Hundertwasser-Architekturmodellen, die bis zum Herbst durch zehn deutsche Großstädte touren wird. Und zwar nicht etwa durch Museen dieser Städte, sondern durch die größten Einkaufszentren.

„Kreative Architektur – Gleichnis der Schöpfung“, wie das Ganze heißt, ist eine Sammlung großformatiger Modelle, von Vitrinen geschützt. Obwohl der Schöpfer stolz verkündet, „meine Verbündeten sind die einfachen Menschen, wer hierherkommt, gehört nicht zur Museumselite“, darf das Wichtigste am Museum von heute nicht fehlen: der (so die Aufschrift) „Museumsshop“ mit elektronischer Diebstahlsüberwachung, die sicherstellt, daß niemand eine Hundertwasser-Postkarte um 2,50 Mark mitgehen läßt. Mittendrin im Shop ein Infostand der BHW. Schon Minuten nach der Eröffnung in Hamburg quillt das Kabuff über von Menschen; so sehen sie also aus, die erhofften Museumsprolos, und steigen einander auf die Zehen.

Wer sich über die Vermählung von hartem Geld und weichen Formen wundert, weiß nicht von Hundertwassers staunenswerter Architektenkarriere, die sich in der Eile jetzt auch nicht rekapitulieren läßt. Ihren Höhepunkt hat sie zweifellos in der Ausgestaltung der Wiener Müllverbrennungsanlage Spittelau gefunden. Diese Giftschleuder mitten im Wohngebiet war vor einigen Jahren abgebrannt; die Wiener Politiker nutzten nicht die Gelegenheit, das umstrittene Werk fernab der Stadt neu zu bauen, sondern ließen sich von Meister Hundertwasser breitschlagen, ihm die Verkleidung der wiedererrichteten Anlage zu überlassen. („Behübschen“ – das Wort findet sich allen Ernstes so in den Unterlagen zur BHW-Ausstellung und wird damit das erste Mal in der Geschichte der Sprache im positiven Sinn verwendet.) Nun ragt im Norden Wiens ein monströser goldener Zwiebelturm in die Höhe, als wär’s eine Moschee von Walt Disney; und die ungläubigen Anwohner preisen alle Tage, an denen er nicht ein weißlich-gelbes Dioxinhäubchen trägt.