Mit klugen Hypothesen können rätselhafte Beobachtungen gelegentlich entschlüsselt werden. Dies hat jetzt der amerikanische Arterioskleroseforscher Hyman Engelberg versucht, um die möglichen Ursachen für Selbstmorde und Aggressionen bei Teilnehmern an Studien über Cholesterinsenkung herauszufinden. Wissenschaftler hatten nämlich in mehreren Studien über den Cholesterineinfluß auf die Sterblichkeit durch Herzerkrankungen herausgefunden, daß zwar unter Diät und bestimmten Medikamenten die Mortalität durch Herzleiden sinkt, aber die Zahl der Todesfälle durch Selbstmord oder Aggressionen ansteigt.

Ein auf den ersten Blick rätselhafter Befund. Nicht mehr auf den zweiten Blick. Engelberg hat die psychiatrische Literatur gesichtet und von den Erfahrungen seiner Kollegen profitiert, denen schon seit langem geläufig ist, daß Verhaltensstörungen wie gewaltgefärbte depressive Verstimmungen mit Serotonin, einem Nervenbotenstoff, zu tun haben (Lancet, Vol. 339, S. 727). So enthalten beispielsweise Gehirngewebe und Nervenwasser (Liquor) von Selbstmördern weniger Serotonin als jene bei natürlich Verstorbenen.

Und hier setzt die komplizierte Hypothese des Forschers vom Cedars-Sinai Medical Center in Los Angeles an: Die Zähflüssigkeit des Blutes beeinflußt die Funktion von Membranen der Nervenzellen. Cholesterin verändert je nach Konzentration im Blutserum die Fließgeschwindigkeit und damit auch die Aufnahme von Serotonin in die Zelle. Werden zur Vorbeugung gegen Arterienverkalkung die Cholesterinblutwerte gesenkt, dann kann es zu einem erheblichen Serotoninmangel kommen.

Diese Botschaft wird vielen, auch wenn sie hypothetisch ist, einleuchten. Denn es ist eine häufige Beobachtung, daß den Menschen der Mißmut ob der verordneten strammen Diät regelrecht ins Gesicht geschrieben steht. Falls sich Engelbergs These erhärtet, würde dies einmal mehr verdeutlichen, daß in der Natur isolierte Phänomene kaum auftreten und wir mit der Reparatur an dem einen Ende oft nur ein ernsteres Problem am anderen erzeugen.

Hans Harald Bräutigam