Ortsbestimmungen in der europäischen Kulturlandschaft zur Zeit des Christoph Kolumbus /

Von Hermann Glaser

In der Renaissance, so Egon Friedell in seiner „Kulturgeschichte der Neuzeit“, schlage der Mensch die Augen auf und sehe um sich. Er blicke nicht mehr über sich, verloren in die heiligen Mysterien des Himmels, nicht mehr unter sich, erschauernd vor den feurigen Schrecknissen der Hölle, nicht mehr in sich, vergrübelt in die Schicksalsfragen seiner dunklen Herkunft und noch dunkleren Bestimmung, sondern geradeaus, die Erde umspannend und erkennend, daß sie sein Eigentum sei: Die Erde gehört ihm, die Erde gefällt ihm; zum erstenmal seit den seligen Tagen der Griechen.

Die neue Diesseitigkeit ist jedoch nur die eine Perspektive dieser Übergangszeit. Wie in der Person des Christoph Kolumbus wirken sich mittelalterliche Strömungen weiterhin aus, schlagen häufig ins Negative um. Der Verlust des einheitlichen religiösen Weltbildes hat die Angst vor dem Neuen zur Folge; Unsicherheit und Zerrissenheit bewirken oder befördern die Flucht in Wahnideen; dem Drang zur Überheblichkeit entspricht der Sturz ins Abgründige. Wie der doppelköpfige italische Gott Janus ist die Renaissance zurück- und vorwärtsgewandt, geprägt durch die Zwiespalte von Höllenfahrt und Sehnsucht nach dem Paradies, korrupter Kirche und Aufstand des Gewissens, Hinwendung zum Stadtkosmos und dem Streben nach offenen Horizonten. Kulturgeschichte als „kognitive Geographie“ ortet um die Jahrtausendmitte wichtige Veränderungen abendländischer Topoi.

Die Renaissance schuf die Idee eines menschlichen Himmels – ausgemalt als Panorama irdischer Glückseligkeit. Die mittelalterliche „vertikale“ Sicht aufs ewige Leben (als ein Verlassen der Welt „nach oben“) paßte nicht zur Mentalität der Zeit; man wollte sich im Irdischen erfolgreich einrichten und die Schönheit des Da-seins genießen. Das für das Mittelalter charakteristische Gefühl der Sündhaftigkeit – mit Hiob als zentraler Bezugsfigur für existentielle „Verworfenheit“ – weicht dem selbstbewußten Anspruch aufs Paradies, das, wenn schon nicht auf Erden, so doch in deren Nähe erwartet wird. Paradiesgarten und Gottesstadt sind nicht nur mehr metaphysische Verheißung, sondern auch topographische Erwartung. Kolumbus war bei seinen Entdeckungsfahrten auf der Suche nach Gold, Gott und dem irdischen Paradies.

Der ganz Europa erfassende Aufschwung der Stadt regte bereits im Mittelalter religiöse Autoren an, das ewige Jerusalem (erbaut aus „lauterm Golde gleich dem reinen Glase“) mit realen Attributen zu versehen und dessen Spiritualität zu verdinglichen. In den Städten mit ihrem starken, hohen Mauerwerk, ihren Wehrtürmen und Kathedralen, belebten Marktplätzen, Werkstätten und reichen Wohnquartieren entstand ein neues Lebensgefühl und neues religiöses Gedankengut:

Geld verband sich mit Frömmigkeit, um das Christentum zu stärken. Mit Geld baute man die Kathedralen und unterstützte die Kreuzzüge, finanzierte die Armenpflege. Geld und leidenschaftlicher Glaube verliehen dem blühenden religiösen Leben des 13. Jahrhunderts eine eigentümliche Kraft und Gestalt. Vielleicht mit Ausnahme der Ärmsten findet man bei Stadtbewohnern einen innigeren und tatkräftigeren Glauben als auf dem Land und beim Adel. In den neuen Städten erhielt das Christentum eine emotionale Qualität, wie sie in den Dörfern und auf den Landsitzen nur selten anzutreffen war (Bernhard Lang/Colleen McDannell in „Der Himmel. Eine Kulturgeschichte des ewigen Lebens“). Das säkularisierte Inbild der „seligen Stadt Jerusalem“ gibt der Renaissancestadt, dem Sitz blühenden Handels wie der Künste und Wissenschaften (mit dem uomo universale im Mittelpunkt) eine besondere Aura. In seinem Florenz-Buch stellt Volker Reinhardt fest: