Samstag, 25. April 1981: Weit über tausend Menschen sind nach Tübingen gereist. Hier finden die Ernst-Bloch-Tage statt, bereits zum zweiten Mal seit 1977, dem Todesjahr des Philosophen, der als letzter Metaphysiker des Marxismus gewürdigt wurde. Das war vor zehn Jahren, heute wäre ein solcher Zulauf kaum mehr vorstellbar. Nicht nur deswegen nicht, weil die Epoche eher mit Videospielen und thrilling beschäftigt ist als mit dem Rauschen großer Diskurse, von wem immer sie auch stammen mögen.

Nein, der Zeitgeist hat auch das Leben und Werk von Ernst Bloch eingeholt. Gegen den Verfasser von „Das Prinzip Hoffnung“ sehen sich inzwischen Vorwürfe erhoben, es mit der politischen Moral nicht allzu genau genommen zu haben. „Ringsum geschah greifbares Unrecht... – Blochs Fernrohr sah es nicht“, so hat jüngst sein Sohn Jan Robert in Sinn und Form (Mai/Juni 1991) notiert. Es liegen seit langem weit heftigere Stellungnahmen vor. Man denke nur an den Exilsoziologen Henry Jacoby, Jahrgang 1905, dem Blochs Rechtfertigungsversuche der Moskauer Prozesse jede Bereitschaft nahmen, „je wieder etwas von ihm zu lesen“.

Das war sicherlich zu emotional entschieden. Schon deswegen, weil es noch immer darum geht, jene unheilvolle Trennung von Geist und Macht in Deutschland aufzuhellen, die nicht nur Heinrich Mann irritierte. Überdies bleibt auch zu untersuchen, wie sich die Anfälligkeit so vieler Intellektueller erklären läßt, ihre Utopien rückhaltlos dem Fluidum der Macht zu unterwerfen, wenn diese das Wort „Fortschritt“ nur im Munde führt.

Docta ignorantia jedenfalls ist kaum als Erklärung heranzuziehen, zumindest nicht im Fall von Ernst Bloch. Eher schon der philosophische Ausstieg in eine virtuelle Realität, die den Alltag so gänzlich überstrahlt, daß in ihrem Namen fast alles zu rechtfertigen ist. Wo gehobelt wird, da pflegen ja nun einmal Späne zu fallen ...

„Mein Mann und Bruder im philosophischen Leben war allzeit Spinoza“, so Bloch. Trifft das wirklich zu? Der holländische Freigeist jedenfalls war auf abgeklärt-mürbe Weise ein menschenfreundlicher und weltkluger Denker.

Eine Abnüchterung der Blochdebatte scheint dennoch angeraten, um nicht im Schwange der gegenwärtigen Verdächtigung von Alternatiworstellungen aller Art dem Autor eines so wunderbaren Buches wie „Naturrecht und menschliche Würde“ – um nur dieses Werk hier zu nennen – der Einfachheit halber totalitäre Ansichten zu unterstellen. Allzuleicht sieht sich sonst etwa mit Joachim Fest („Der zerstörte Traum“) die „Blochmusik“ (Adorno) nicht nur als eine einzige Dissonanz abgetan, sondern auch als intellektuelle „Realitätsverachtung“ sans phrase verbucht.

Es genügt freilich nicht, empört von einem „Rufmord an Bloch“ (Detlev Claussen) zu sprechen und den Philosophen für mißverstanden zu halten. Daß damit einem angemessenen Problemverständnis kaum gedient wäre, das zeigt ein neuer Beitrag zur laufenden Diskussion, der durch die Aufbereitung von Materialien aus Blochs Leipziger Zeit (1949 bis 1957) dazu angetan ist, den Streit zu versachlichen. Er wird durch diese neuen Informationen indessen kaum zu schlichten sein. Blochs Bekenntnis zum „demokratischen Zentralismus“, seine libidinöse Treue zu Moskau und anderes bleiben ein Stein des Anstoßes, ganz zu schweigen von peinlichen Kotaus vor der Parteimacht oder auch von seiner Kollegenschelte („reaktionär“), die er offiziellen Stellen unterbreitet hat.