Man stelle sich vor: Sieben Seiten der ZEIT seien ausschließlich mit Ziffern bedruckt, von oben bis unten, in der üblichen Schriftgröße, ohne Zwischenräume – ein Alptraum.

Ihn müßten wir unseren Lesern zumuten, wollten wir in voller Länge die zweihundertsiebenundzwanzigtausendachthundertzweiunddrei- ßigstellige Zahl veröffentlichen, die vorvorige Woche ein Supercomputer im Forschungszentrum der britischen Energiebehörde ausgegeben hat, die bisher größte bekannte „Primzahl“. So wird eine ganze Zahl genannt, die sich ohne Rest nur durch 1 und durch sich selbst teilen läßt. Beispiele für Primzahlen sind 2, 3, 7, 587 oder 1 234 577. Sie haben für die Mathematik eine ähnliche Bedeutung wie die Elemente in der Chemie. Denn jede ganze Zahl ist entweder selbst Primzahl oder ein Produkt aus Primzahlen. Ist deshalb die Entdeckung eines solch astronomisch großen Exemplars ein wichtiges Ereignis?

Rekord vom Supercomputer

Nein. Denn schon vor 2300 Jahren hat Euklid bewiesen, daß es unendlich viele davon gibt. Gewiß, die in Harwell gefundene Primzahl ist riesengroß – im Vergleich dazu sind die 630 Trillionen Sekunden, die seit dem Entstehen des Universums verflossen sind, ein Winzling (weniger als ein 220tausendstel davon), doch es gibt unendlich viel größere. Niemand, außer vielleicht der Redaktion des „Guinness Buch der Rekorde“, kann mit der enormen Nummer etwas anfangen. Daß sie dennoch in teurer Rechenzeit am Supercomputer des Harwell-Laboratoriums ausgerechnet wurde, besagt allenfalls, daß die Maschine nicht ausgelastet ist. Michael Schömberg, der Manager des Harwell-Computers, rechtfertigt freilich diesen seltsamen „Sport“ mit der Behauptung, dabei würde die Funktion des Gerätes überprüft – je nun.

Große Primzahlen haben seit ein paar Jahrzehnten eine durchaus praktische Bedeutung bekommen. Mit ihnen lassen sich Geheimcodes herstellen, die sich nicht brechen lassen; selbst größte Computer würden dafür einige Jahrhunderte brauchen. Aber für diesen Zweck genügen bereits hundert- bis zweihundertstellige Primzahlen, die in diesem Artikel nur einige wenige Zeilen füllten.

Moderne Computerprogramme liefern solche Exemplare in ein paar Stunden. Dabei gehen sie nach einem uralten Rezept vor, das Eratosthenes von Kyrene um 250 vor Christus ausgetüftelt hat. Bis heute hat noch niemand eine Formel gefunden, die Primzahlen am laufenden Band erzeugt.

Zahlen mit „Heiligenschein“