Von Peter Fuhrmann

Daß Begabung zur Biederkeit verkommt, wenn die menschliche Reifung ausbleibt, ist kein Geheimnis. Mehr als andere schien der 1965 in Duisburg geborene und in zutiefst bürgerlicher Enge aufgewachsene Frank Peter Zimmermann dieser Gefahr zu unterliegen.

Eine außerordentliche Begabung, gewiß, die in der Stille des Elternhauses gedieh – der Vater: Cellist im städtischen Orchester; die Mutter: Geigerin, die den Knaben vom fünften Lebensjahr an so unter die Fittiche nahm, daß bereits der Zehnjährige gleich nebenan, in der Duisburger Mercatorhalle, mit Mozarts G-dur-Violinkonzert KV 216 debütieren konnte. Aber auch in ihm selbst war längst der Entschluß gereift, sich ganz der Violine zuzuwenden. Niemals fühlte er sich zum Tasteninstrument gedrängt. Als der Sechsjährige hingegen zum erstenmal mit der Mutter im Duo spielte, war die Entscheidung gefallen: „Ich werde Weidgeiger“, schrieb er in ein Schulheft.

Musikalisch führte ihn der Weg steil nach oben: Mit zwölf Jahren erhielt er den ersten und einzigen Preis eines Wettbewerbs von „Jugend musiziert“. Konzerte in Deutschland und im benachbarten Ausland folgten. Ausbildungsstationen waren inzwischen: Folkwang-Musikhochschule Essen (Walerie Gradow), Staatliche Hochschule der Künste Berlin (Saschko Gawriloff) und Sweelinck-Konservatorium Amsterdam (Herman Krebbers). Die eigentliche Karriere begann Anfang der achtziger Jahre: Tourneen in die UdSSR, nach Japan, durch die USA und Europa.

Und prompt meldete sich die chauvinistische Anspielung, da sei uns endlich der heißersehnte Stammhalter der einst so ruhmreichen deutschen Geigertradition geschenkt. Kein Zweifel: Frank Peter Zimmermann könnte die schon früh an ihn geknüpften Erwartungen erfüllen, in die durch den Zweiten Weltkrieg, insbesondere durch die Ausrottung der Juden so tragisch unterbrochene Nachfolge von Adolf Busch, Georg Kulenkampff, Gerhard Taschner und anderen Koryphäen einzutreten. Denn schließlich gehört mehr als einschlägiges Talent dazu, gegen die Weltelite (Itzhak Perlman, Pinchas Zukerman, Gidon Kremer) oder gegen deren phänomenale Adepten (Shlomo Mintz, Gil Shaham, Nigel Kennedy) anzukämpfen.

Derlei Prämissen schrecken den jungen Mann aus Duisburg keineswegs. Er ist selbstsicherer geworden. Der Bruch mit der Vergangenheit ist deutlich spürbar. Die der kleinbürgerlichen Herkunft gemäße Bravheit, Ängstlichkeit und Bescheidenheit hatten ihn lange gehemmt und verklemmt erscheinen lassen. Sein Spiel entbehrte der herausfahrenden Attitüde und Bravour. Sein Ton war geschmeidig, makellos modelliert, schlackenlos rein – aber ohne Variationsbreite, ohne Biß, ohne Magie. Dem stets so mütterlich Umsorgten fehlte die Gebrochenheit und Hintergründigkeit des bohrend neugierigen Intellektes, die Gespaltenheit und Unruhe, erst recht das berauschende und faszinierende Moment des Ekstatischen und Sinnlichen. Zimmermanns Spiel wirkte schon zu früh als klassisch abgeklärt, konventionell.

Vielleicht weil ihm alles zugefallen, auch zu leicht gemacht worden ist. Und so mußte er sich um so heftiger befreien: durch einen nicht leichten Bruch mit dem Elternhaus, durch die Ehe mit einer Koreanerin. Aber auch durch Selbsthilfe bei der Vermarktung: den „Kram hinzuschmeißen“, wenn Plattenmanagement und Agenturen ihm weiterhin Vorschriften bei der Programmplanung machen; wenn immer wieder die gleichen Solokonzerte „abgezogen“ werden sollen, dem er nun einen Riegel vorschiebt („Sonst drehe ich eines Tages durch“); konsequenterweise dadurch, daß er einen mit Altersversorgung garantierten Lehrstuhl an Musikhochschulen bislang ausschlägt („Ich lasse mich nicht ködern“).