Am 1. Oktober 1940 wurden die jüdischen Patienten der hessischen Psychiatrie auf den Bahnhöfen Kassel und Gießen in Waggons verfrachtet. Auch die 52jährige Lina Weiler, geboren im hessischen Katzenfurt. Der Sammeltransport endete in der "Euthanasie"-Anstalt Brandenburg. Die Menschen starben noch am selben Tag in der Gaskammer. Auch Lina Weiler, Mutter des damals noch nicht volljährigen Ludwig.

Die Opfer der Nazi-"Euthanasie" wurden niemals als NS-Verfolgte anerkannt. Die absurde Logik der Entschädigungs-Bürokratie: Geisteskranke wurden zwar von den Nazis ermordet, aber nicht verfolgt. Erst seit 1990 können Hinterbliebene aus einem Härtefall-Fonds eine einmalige Beihilfe von 5 000 Mark erhalten. Voraussetzung: Sie müssen zur Zeit der Ermordung minderjährig gewesen sein und heute in Armut leben. Dies ist ein Gnadenakt, der die Opfer anderen NS-Verfolgten rechtlich nicht gleichstellt, aber augenfällige Härten im Entschädigungsrecht lindern soll.

Der Härtefall-Fonds (aus dem auch Zwangssterilisierte entschädigt werden) wird von der Oberfinanzdirektion Köln verwaltet. Seit längerem gibt es Klagen, daß in Köln Anträge unmäßig lange bearbeitet wurden, die mittlerweile betagten Antragsteller könnten darüber sterben.

Lange warten mußte auch Ludwig Weiler. Selbst verfolgt und vom Leben nicht verwöhnt, beantragte er im September 1990 die Beihilfe. Die Oberfinanzdirektion ließ sich fast vierzehn Monate Zeit, dann lehnte sie ab: Lina Weiler sei als Jüdin ermordet worden. Deshalb könne aus dem Härtefall-Fonds nicht entschädigt werden. Es bestehe vielmehr ein "Verfolgungstatbestand" im Sinne des Bundesentschädigungsgesetzes.

Ludwig Weiler muß diese Entscheidung wie ein Hohn vorkommen: Eine "Entschädigung wegen Schadens am Leben" nach dem Bundesentschädigungsgesetz ist nämlich bereits 1961 rechtskräftig abgelehnt worden. Ich rief die Oberfinanzdirektion Köln an, die Referatsleiterin referierte: Verfolgte seien aufgrund ihrer Rasse oder ihres Glaubens "normal Juden und Zigeuner". Dafür sei als Entschädigungsbehörde der Regierungspräsident zuständig. Und deshalb dürfe sie im Falle Weiler nicht entschädigen. "Die Dame hat aus Verfolgungsgründen den Tod gefunden."

Der Einwand, Lina Weiler sei als Kranke im Zuge der "Euthanasie" ermordet worden und für "Euthanasie"-Opfer sei die Oberfinanzdirektion Köln zuständig, beeindruckt die Referatsleiterin nicht: "Ja sicher, aber ich darf nur Leute entschädigen, die nicht aus Verfolgungsgründen euthanasiert wurden. Wenn ich das salopp sagen darf: Wenn ein ganz normaler Geisteskranker euthanasiert wurde, ist er nicht wegen seiner Rasse oder seines Glaubens euthanasiert worden. In diesem Fall bin ich zuständig."

Noch einmal wende ich ein, es sei unerheblich, ob die Frau als jüdische oder "normale" Geisteskranke ermordet wurde, folglich könne doch der Sohn aus dem Härtefall-Fonds entschädigt werden. Die Referatsleiterin bleibt hart: "Ich darf nur Nichtverfolgte entschädigen. Juden, das sind Verfolgte." Am Ende unterbreitet die Härtefall-Referentin den Vorschlag, der Sohn könne ja noch mal versuchen, einen Antrag zu stellen. "Aber er wird dann wahrscheinlich einen Zwei-Zeiler als (ablehnende) Antwort bekommen."

Ein Irrwitz der Entschädigungs-Bürokratie: Die geisteskranke Lina Weiler wurde in der Brandenburger Gaskammer angeblich als Jüdin und nicht als Geisteskranke ermordet. Wäre Lina Weiler Arierin gewesen, bekäme ihr Sohn aus dem Härtefall-Fonds eine Entschädigung. Ernst Klee