Lübeck

Pressekonferenz bei Karstadt. Es werden Kekse und Fruchtsäfte gereicht. Leider kein Marzipan. Was hier im vierten Stock des Lübecker Kaufhauses der Öffentlichkeit gezeigt und als beschlossen verkündet wird, ist ohnehin schwer verdaulich: Karstadt will zu einem Karstadt-Komplex expandieren, und zwar in unmittelbarer Nähe von Rathaus und Marienkirche. Daran ist nicht mehr zu rütteln. Im Zentrum der Altstadt, im bauhistorisch sensiblen Marktviertel, wird sich das schon viel zu große und allseits unbestritten häßliche Kaufhaus in eben dieser Bauweise auch noch um über ein Drittel vergrößern. "Ich finde", sagt Karstadt-Direktor Max Hoseit mit geröteter Stirn und über der Brust verschränkten Armen, "wenn ein Warenhaus ein Warenhaus ist, dann soll es auch so aussehen." Beifälliges Gemurmel der mehrheitlich anwesenden Karstadt-Herren.

Am Kaufhausmodell steht mit Zeigestock und artiger Miene Bausenator Volker Zahn von der SPD. Geschwind parlierend reiht er viele Sätze aneinander, lobt und schmeichelt wie ein Werbeverkäufer dieses massige Projekt. Gewiß, es geht für die verschuldete Stadt um Gewerbesteuer, um Arbeitsplätze, um ein Bauvorhaben, das bis jetzt 150 Millionen Mark ausmacht, und schließlich auch um die Käuferinnen und Käufer aus Mecklenburg-Vorpommern. Aber davon spricht der Senator nicht. Statt dessen preist er, ohne zu erröten, einen Kaufhausklotz an, der anders aussehen könnte, wenn sich Stadt und Bauherr noch einmal beispielsweise in Amsterdam umgesehen hätten.

Seit fast drei Jahrzehnten schon liegt der Karstadt-Erweiterungsplan in der Schublade und wurde, weil unpopulär, immer wieder aufgeschoben. Aber jetzt ist es soweit. Das Unternehmen will am wiedergewonnenen Hinterland verdienen. Die Situation ist günstig. Der ewige Konkurrent Horten ist nicht am Ort vertreten. Er hatte vor Jahren neben dem Holstentor bauen wollen, war aber wegen dieses ungeheuerlichen Ansinnens wieder vertrieben worden.

Doch die kritischen Stimmen sind leiser geworden. Wohl gibt es die Bürgerinitiative "Rettet Lübeck", und es gibt die Lübeckischen Blätter, die Zeitschrift der Gesellschaft "mit dem langen Namen", wie man in Lübeck sagt, der Gesellschaft zur Beförderung gemeinnütziger Tätigkeit nämlich. Aber den Redakteuren der Lübecker Nachrichten, der einzigen Tageszeitung am Ort, scheinen die Hände gebunden. Karstadt ist der größte Anzeigenkunde. Dann hocken die maßgeblichen Herren sowieso zusammen in Clubs und Gremien, bei den Lions etwa und in der Lübecker Kaufmannschaft, wo Dinge ausgehandelt werden, die nachträglich nicht mehr zu diskutieren sind. Hinzu kommt, daß die Verleger der Lübecker Nachrichten inzwischen ihrerseits ein Schnäppchen gemacht haben.

Sie konnten ihre alten Verlagshäuser in der Königstraße an einen holländischen Investor verkaufen. Verlag und Redaktion wurden sehr praktisch an den Stadtrand ausgelagert. Die fünf alten Häuser indessen stehen direkt gegenüber von Karstadt, ihr entfernteres Visavis sind die Marienkirche sowie das alte Kanzleigebäude des Rathauses. In Lübeck liegt ja laut Thomas Mann "alles in der Nähe", und alles auf historischem Baugrund. Dieser Handel brachte mehrere Millionen Mark ein, war zu vernehmen. Dagegen wäre nichts zu sagen, wenn die Zeitungsverleger, obwohl Mitglieder im Forum "Rettet Lübeck", nicht zuvor jahrelang den Denkmal- und Bodendenkmalpflegern den Zutritt zu ihren Häusern versagt hätten. Aus gutem Grund, wie man jetzt weiß und immer ahnte.

Nach ersten großen Abbrucharbeiten sind "mittelalterliche Befunde von hoher wissenschaftlicher und denkmalpflegerischer Bedeutung" entdeckt worden. "Vier Brandwände aus dem 13. und 14. Jahrhundert mit verschiedenen Architekturgliederungen im Obergeschoß weitgehend ungestört erhalten", notierte das Amt für Denkmalpflege. Umfangreiche mittelalterliche Malereien wurden freigelegt, die vermuten lassen, daß dort, wo die Verleger saßen, rund 700 Jahre zuvor ein sogenannter Artushof gebechert habe. Restauratorin Linde Saß: "Die Ritter hatten neun Helden, die sie verehrten, drei christliche, drei jüdische und drei heidnische. Darunter König David", wie jetzt auf der Baustelle zu sehen ist.