Von Rebekka Habermas

Es geschah an einem heißen Augusttag in der französischen Provinz, genauer gesagt in Hautefaye, einem kleinen Dorf der Dordogne, im Jahre 1870. Vormittags hatte man auf dem Viehmarkt, zu dem viele hundert Bauern aus den umliegenden Dörfern angereist waren, die neuesten Zuchtergebnisse begutachtet, Nachbarn getroffen und Nachrichten über die immer bedrohlichere Trockenperiode ausgetauscht. Jetzt, zur Mittagszeit, bereiteten sich die Bauern auf den geselligeren Teil des Markttages vor. Im Wirtshaus sollte getrunken und gegessen, vielleicht später auch gespielt und getanzt werden. Alain de Moneys, ein junger Adeliger aus dem unweit von Hautefaye gelegenen Schloß Bretagnes, kam gegen 14 Uhr in den Ort. Kaum waren einige Bauern auf ihn aufmerksam geworden, wurde er auch schon gefragt, was er von den unlängst in aller Öffentlichkeit geäußerten Ansichten seines Cousins halte. Der sollte nämlich behauptet haben, der Kaiser sei verloren, und dazu noch laut gerufen haben: „Es lebe die Republik.“

Alain de Moneys, ein schmächtiger Mann, scheint von alldem nichts zu wissen, spürt aber wohl die feindliche Haltung der Bauern und sagt, sein Cousin habe so etwas nie behauptet. Schnell entzündet sich ein Disput, in den sich immer mehr Bauern einmischen, und alsbald kommt es zu ersten Gewalttätigkeiten. Der Adelige, umringt von einer über hundertköpfigen Menge, die zusehends erregter Stimme und Fäuste erhebt, kann sich nicht verteidigen. Zwei Stunden später ist er tot, verbrannt auf einem eilends errichteten Scheiterhaufen. Bei lebendigem Leibe hat man den Blutüberströmten unter tätiger Mithilfe einer Meute lautstark grölender Bauern angezündet.

Diese Episode, die dem Dorf Hautefaye den Ruf eines Hortes des Kannibalismus einbrachte, unter dem es bis in dieses Jahrhundert hinein zu leiden hatte, nimmt der französische Historiker Alain Corbin zum Anlaß, die politische Kultur im ländlichen Frankreich des 19. Jahrhunderts nachzuzeichnen. Minutiös versucht er, die scheinbar irrationalen oder, wie das Gericht später urteilen sollte, animalischen Triebe der Bauern zu entschlüsseln und aufzuzeigen, wie die Bourgeoisie auf dieses ländliche Politikverständnis reagierte.

Die agrarisch strukturierte Dordogne der Kannibalen von Hautefaye war durch historisch gewachsene Feindschaften und Loyalitäten geprägt: Der Adel wurde mit unverhohlenem Mißtrauen beäugt. Nichts fürchtete man mehr als die Wiederkehr seiner alten Rechte – Gerüchte darüber, daß er sich aufschwinge, seine durch die Revolution verlorengegangene Herrschaft über Leib und Leben der Bauern zurückzuerobern, führten immer wieder zu kleineren und größeren Zwischenfällen. Mit Argwohn wurde auch der Klerus beobachtet. Ihm sagten die Landbewohner nach, daß er nur darauf warte, eine neue Koalition mit der Aristokratie einzugehen, um die Bauern erneut zu unterjochen. Die Republikaner hatten sich nicht zuletzt durch die Einführung neuer Steuern unbeliebt gemacht. Allein der Kaiser, der Erinnerungen an eine bessere Vergangenheit wachrief, als unbesiegbar, ja gar als unsterblich galt, schien den Badern und Bäuerinnen der Dordogne vertrauenswürdig.

So überrascht es nicht, daß der als Krieg Napoleons III. 1870 eröffnete Kampf gegen die Preußen auf dem Land gutgeheißen – mehr noch –, mit patriotischem Geschrei bejubelt wurde. Dem Adel hingegen unterstellte man, daß er zu seinen aristokratischen Verwandten jenseits des Rheins halten würde, und vom Klerus behauptete man, daß er heimlich Geld für die Preußen sammeln würde Nachdem im August 1870 die ersten französischen Niederlagen bekannt geworden waren und die lange Trockenperiode überdies wirtschaftliche Ängste schürte, verbreiteten sich diese und ähnliche Gerüchte immer schneller. Viele fürchteten, daß die Preußen, die nichts anderes als Plünderungen und Vergewaltigungen im Sinne hätten, morgen schon vor der Türe ständen.

Als am 18. August, dem Hautefayer Markttag, an dem fast ausschließlich Männer die Straßen des Dorfes bevölkerten, der junge Alain de Monéys die Bildfläche betrat, nahmen diese diffusen Ängste konkrete Gestalt an: Er entstammte dem Adel, und ihm wurden aufgrund verwandtschaftlicher Bande Affinitäten zu den Republikanern nachgesagt, folglich war er auch – gemäß der bäuerlichen Logik – ein Preuße, und vielleicht hatte er gar Schuld an der langen Dürre. In seiner Person verdichteten sich alle Befürchtungen zu einer bedrohlichen Schreckensgestalt.