Warum immer mehr Bürger den Parteien ihre Stimme verweigern

Von Moritz Döbler

Stuttgart, im April

Wahlsonntag in Stuttgart: Im Nieselregen bummeln Fußgänger an den Schaufenstern entlang. Beim Herrenausstatter Hieber in der Kirchstraße hängt ein Schild mit großem roten Kreuz: „Hier wählen Sie richtig.“ Doch die Spaziergänger haben ihr Kreuz schon gemacht. Hier, in der Innenstadt, am Spätvormittag, haben alle gewählt. „Natürlich“, sagen sie – und: „Es wär’ ja schlimm, wenn nicht.“ Doch 30 Prozent der Wahlberechtigten haben ihre Stimme am Sonntag nicht abgegeben. Auch in Baden-Württemberg liegt die Partei der Nichtwähler damit an der Spitze. Für die CDU stimmten nur 28 Prozent der Wahlberechtigten.

„Die Kandidaten können mich nicht hinterm Ofen hervorlocken“, sagt Georg Melville, 50 Jahre alt, Architekt und Nichtwähler, der im Café „Stella“ italienische Pasta genießt. „Ich denke, daß die Bundesrepublik auf eine ökonomische Krise zumarschiert, und das wissen alle politischen Organisationen ziemlich genau. Sie bereiten sich darauf vor‚ über alle Parteigrenzen hinweg, aber sie scheinen den Leuten keinen reinen Wein ein. Sie haben Angst, daß sie sonst nicht gewählt werden.“ Eigentlich plädiere er dafür, einen ungültigen Stimmzettel abzugeben: „Ich habe in gewisser Weise ein schlechtes Gewissen, daß ich gar nicht gewählt habe – jetzt können sich die Politiker mit der Dummheit, der Faulheit der Leute rausreden.“

Verdrossen, aber nicht verloren

Georg Melville ist ein Nichtwähler des neuen Typs: Er argumentiert politisch, und die Entscheidung, nicht zu wählen, trifft er bewußt. Mehr als 75 Prozent der Nichtwähler halten sich für mäßig bis sehr stark politisch interessiert – bei den Wählern sind es 93 Prozent. Das hat Michael Eilfort herausgefunden, der für seine Doktorarbeit an der Universität Tübingen 13 000 Fragebögen von repräsentativ ausgesuchten Wählern und Nichtwählern auswertete. „Aber das Gefühl, wählen zu müssen, hat nachgelassen“, sagt Eilfort. Der Behauptung, es sei eine Pflicht des Bürgers, seine Stimme abzugeben, stimmten fast drei Viertel der Wähler zu – aber nur gut ein Viertel der Nichtwähler. Bei den Wählern waren es vor allem die Älteren, die sich verpflichtet fühlten, zur Urne zu gehen. Die Nichtwähler halten Parteien eher für korrupt, und fast die Hälfte von ihnen stimmt dem Satz zu: „Die Politiker machen doch nur, was sie wollen.“ Nichtwähler sind also politisch interessiert, aber von Parteien und Politikern enttäuscht.