Kurt Tucholsky 1932 in einer Rezension von „Gilgi – eine von uns“, dem ersten Roman der Irmgard Keun: „Hier ist ein Talent. Wenn die noch arbeitet, reist, eine große Liebe hinter sich und eine mittlere bei sich hat: aus dieser Frau kann einmal etwas werden.“ Damals war sie gerade 21 Jahre alt. Der Erfolg stieg ihr zu Kopf. Noch mehr der ihres nächsten Buches, das sie zu einer deutschen Berühmtheit werden ließ: „Das kunstseidene Mädchen“. Eine Geschichte, so leicht und frivol, so amüsant und lebensklug, so gut beobachtet und gekonnt geschrieben, daß sie sich heute noch süffig runterliest als Unterhaltungsliteratur der allerbesten Sorte.

Denn das schrieb die Keun: U-Literatur im Großstadtmilieu. Aber nicht eine der sentimentalen, verlogenen Art, wo sich Herz auf Schmerz und kleine Näherin auf reicher Graf reimt, sondern eine, die prall ist von Leben und Humor – und einer gnadenlosen Beobachtungsschärfe. Irmgard Keun bewegte sich so gekonnt jenseits aller Ideologien, daß beide, Sozialisten wie Nazis, die Schreiberin haßten. Die Nazis allerdings kamen an die Macht, und das bedeutete das Ende einer vielversprechenden Karriere: Irmgard Keuns Bücher wurden verboten, sie ging ins Exil, lebte wie andere Exilanten zwischen Widerstand und Elend, Mut und Selbstbetrug, Hunger und Betäubung durch Alkohol.

Der Rest ist Nachklapp, zumindest was – trotz neuer amüsanter Bücher, darunter „Das Mädchen, mit dem die anderen nicht verkehren durften“, „Kind aller Länder“ und „D-Zug dritter Klasse“ – das bürgerliche Leben der Irmgard Keun betrifft. Nach dem Krieg katapultierte sie sich ins soziale Abseits, eine unheilbare Alkoholikerin, mehr damit beschäftigt, Erinnerungen an ihr früheres Leben zu erfinden, als ihr gegenwärtiges zu bewältigen.

„Was man glaubt, gibt es“ nennt darum Gabriele Kreis ihre Lebensgeschichte der Irmgard Keun, Untertitel: „Das Leben der Irmgard Keun“, eine Annäherung mehr als eine Biographie, in ähnlichem stilistischen Duktus gehalten wie die Bücher der Beschriebenen und darum ebenfalls recht amüsant zu lesen (Verlag Die Arche, Zürich 1991; 302 S., Abb., 48,– DM). Gabriele Kreis hat Irmgard Keun noch besuchen und ausfragen können, hat recherchiert und berichtigt, soweit sie es konnte; das Ergebnis ist freilich eher journalistisch-literarisch als wissenschaftlich solide. Aber das sollte es wohl auch nicht sein. Wer sich darum animieren lassen will durch Stimmung und Flair und eine ironisch-distanzierte, doch nicht wenig verständnisvolle Empathie, dem wird „Das Leben der Irmgard Keun“ Anreiz sein, deren Bücher mal wieder vorzunehmen. Und das ist – ich habe es ausprobiert – für die erstaunlichsten Entdeckungen gut. Jutta Duhm-Heitzmann