Der Krieg, das ist ein ganz besonderer Stoff. Für einen Roman. Die handelnden Personen lassen sich gleich in Bataillonsstärke auffahren und auch problemlos um die Ecke bringen, wenn die Unübersichtlichkeit der Handlung jedes Ende unmöglich zu machen droht. Natürlich gibt es auch gute Kriegsromane, von Remarque zum Beispel, von Hemingway oder Mailer. Oder von Homer. Ja, Homer. Denn der und kein anderer ist das große literarische Vorbild, an dem sich Oriana Fallacis Libanon-Kriegs-Epos mißt.

Dieser sentimentale Landserroman, ein Monstrum von fast 800 Seiten über den Krieg, den Tod, das Leben, die Liebe, den Menschen (besser gesagt, den Mann), orientiert sich insofern an seinem Vorbild, als die archetypischen Kriegergestalten der Ilias entnommen sind. Zwar heißt zum Beispiel der listenreiche Odysseus schlicht Charlie, aber trotz neuzeitlicher Umbenennungen sind der edle Hector, der tobende Ajax, der tyrannische Agamemnon und die schöne Helena eindeutig zu identifizieren. Und weil Homers Hilfe nicht gereicht hat, um – immerhin – 62 Haupt- und 106 Nebenfiguren zu besetzen, mußte auch Shakespeare herhalten und das antikisierende Durcheinander um einen Hamlet (Angelo) bereichern. Zu allem Überfluß spukt Oriana Fallaci selbst („die Journalistin aus Saigon“) hitchcockartig zwischen den Buchdeckeln herum.

Die Handlung? Zwischen den Fronten und Bündnissen der im Bürgerkrieg kämpfenden Christen, Schiiten, Palästinenser und Drusen steht neben Amerikanern und Franzosen auch ein italienisches Kontingent von UN-Truppen: der homerisch/shakespearesche Haufe. Männer im Krieg: der Kondor (Agamemnon!) und der Aristokrat, der Naturbursche, der Schwule, der Jude und so weiter. Verliebt in Kinder, Nutten, Nonnen, in Plastikpuppen oder weiße Stuten, für oder gegen den Krieg, politisch links oder rechts eingestellt, die rauhe Schale über den weichen Kern (oder umgekehrt) gestülpt, gruppieren sie sich völlig sinn- und zwanglos um das Herzstück des Wälzers: Hamlets und Helenas selbstverständlich tragische Romanze. Leider verwirren sich die Handlungsfäden in einem Knäuel Putzwolle, getränkt mit Blut, Schweiß und Tränen. Und mitten im Chaos sucht Hamlet-Angelo nach der Formel (im Zivilberuf ist er nämlich Mathematiker) des Lebens schlechthin.

Damit auch dem letzten Leser nicht entgeht, womit er es zu tun hat, berichtet ein „Professor“ (es gibt also auch einen Intellektuellen in der Geschichte!) in langwierigen Briefen ausführlich darüber, welchen Posten ein Romanschriftsteller in der homerischen Nomenklatur einnimmt („Ich fühlte mich wie Zeus, der von der Spitze des Olymps an den Fäden seiner Marionetten zieht ... rettet und opfert der also das Universum beherrscht...“). Originelleres als ein manifester Größenwahn kommt da wahrlich nicht zum Vorschein.

Die profilierte Journalistin Oriana Fallaci wurde weltbekannt durch ihre scharfen Interviews mit den Mächtigen der Welt: von Kissinger bis Ghaddafi. Mit ihrem Heldenepos „Ein Mann“ (deutsch 1980) gelangte sie in die Bestsellerlisten, mit der ausführlichen Vietnam-Kriegsreportage („Wir Engel und Bestien“, 1971) erwies sie sich als glänzende Kriegsberichterstatterin. Wäre sie bei der Reportage geblieben und hätte als Sterbliche von der Erde berichtet, anstatt sich mit noch einem Männerroman in den Olymp zu versteigen: dabei wäre sicherlich etwas Besseres herausgekommen – als dieser schmonzettenhafte Möchtegern-Klassiker. Katharina Döbler

  • Oriana Fallaci:

Inschallah

Roman; aus dem Italienischen von Moshe Kahn; Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 1992; 790 S., 49,80 DM