Von Christian Wernicke

New York, im April

Sonntagsreden können den Planeten nicht mehr retten. Das wissen auch die mehr als hundert Staats- und Regierungschefs, die sich derzeit für eine Reise nach Rio rüsten. Dort tagt Anfang Juni die Konferenz der Vereinten Nationen über Umwelt und Entwicklung (UNCED), auf der Nord und Süd nach Auswegen aus der ökologischen Krise und dem milliardenfachen Armutselend suchen wollen. Doch knapp neun Wochen vor Beginn des „Erdgipfels“ droht allen Teilnehmern der Absturz, der Rückfall auf unverbindliche Leerformeln und gegenseitige Vorwürfe.

Die Berge von Papier jedenfalls, die 1200 Regierungsbeamte Tag und Nacht in den Kellern der New Yorker UN-Zentrale bis zum vergangenen Wochenende aushandelten, ebnen noch keinen Weg zu einem globalen Kompromiß. Zwar konnten sich die Experten während ihrer fünfwöchigen Vorbereitungskonferenz auf bald 500 Seiten über viele, detaillierte Absichtserklärungen im Rahmen der Agenda 21, eines Aktionsprogramms für das nächste Jahrhundert, einigen. Ob aus diesen Entwürfen für eine umweltverträgliche Landwirtschaft oder gegen eine Rodung der Regenwälder, für sauberes Trinkwasser oder gegen schmutzige Geschäfte mit Giftmüll jedoch jemals verbindliche Richtlinien werden oder ob sie nur als ein Sammelsurium loser Empfehlungen in den Archiven verschwinden – das ist noch längst nicht ausgemacht. Vor allem der Süden, der sich nach dem Ende des Ost-West-Konfliktes mehr Aufmerksamkeit für seine Probleme erhoffte, betrachtet strikte Ökostandards häufig nur als Hemmnisse der eigenen Entwicklung. Ähnlich verschlossen zeigen sich manche Industrieländer – allen voran die Vereinigten Staaten –, sobald der eigene, verschwenderische Lebensstil auch nur in allgemeinster Diktion berührt wird.

So geraten „Umwelt“ und „Entwicklung“ geradezu zwangsläufig in einen Widerspruch, der die Rio-Konferenz zu einem Basar machen könnte, auf dem Reich und Ann um Wachstums- und Wohlstandschancen feilschen. Der „Erdgipfel“ – das bewies in New York bald jede Verhandlungsrunde – steuert in die Sackgasse einer Nord-Süd-Konfrontation, wenn es nicht noch kurzfristig gelingt, auf höchster politischer Ebene ein Paket wechselseitiger Konzessionen zu schnüren: Die Entwicklungsländer müßten auf ein Stück ihrer nationalen Souveränität und auf den Raubbau an ihrer Natur verzichten. Im Gegenzug müßten die Industrieländer konkrete finanzielle Zusagen geben und sich verpflichten, im eigenen Hause entschlossener als bisher mit dem Umweltschutz zu beginnen.

Strategische Bedeutung kommt dabei den letzten Gesprächen über eine Klimakonvention zu. Solange sich der Wahlkämpfer George Bush weigert, den Ausstoß des Treibhausgases Kohlendioxid bis zum Jahr 2000 wenigstens auf dem Niveau von 1990 zu begrenzen, so lange werden die Entwicklungsländer nicht einmal einer Formel zustimmen, die nach Rio Verhandlungen über eine völkerrechtlich verbindliche Übereinkunft zum Schutze der Regenwälder ermöglichen könnte.

Aber auch die Europäer sollten sich noch vor Rio dazu verpflichten, die eigene Energieverschwendung zu drosseln und endlich die von der EG-Kommission vorgeschlagene Klimasteuer einführen. Ein solches Signal der Umkehr würde die Klage über Washingtons egoistische Blockadepolitik glaubwürdiger erscheinen lassen – und zugleich den ökologischen Umbau der Weltwirtschaft finanzieren helfen.