Von Eberhard Falcke

Ein Roman, in dem eine Kesselschlacht des Zweiten Weltkriegs das Szenario abgibt für einen katastrophalen Befund über die menschliche Existenz – das weckt bei dem heutigen Leser zunächst einmal die widersprüchlichsten Empfindungen. Und anders kann und darf es auch gar nicht sein. Um so mehr, als dieser Roman – wenn auch aus verzweifelter Einsicht – seinen Befund als unüberschreitbar darstellt und ein Menschenbild zeichnet, an dem die Kontur des Kriegers jedes andere Profil gleichsam liquidiert.

Die Neuausgabe von Herbert Zands Roman "Letzte Ausfahrt", dem Roman der Eingekesselten, konfrontiert also nicht nur mit einem Autor, der nie einen sonderlichen Bekanntheitsgrad erreichte und immer wieder in Vergessenheit geriet, sondern vor allem mit Formen der Erfahrung und des Denkens, von denen man hoffte, sie gehörten einem historischen Kapitel an, das abgeschlossen sei.

Doch die täglichen Nachrichten beweisen, daß es sich mit dem Krieg anders verhält. Die Erwartung der letzten Jahrzehnte, es ließe sich (trotz gegenteiliger Evidenz) eine allmähliche Befriedung der Welt erreichen, scheint selbst mit jedem Tag mehr und mehr historisch zu werden. Vermutlich war auch das ein Grund für Jürgen Egyptien, Zands Werk (nach Hans Leberts Roman "Die Wolfshaut") als zweiten Titel in der Schwarzen Bibliothek des Europa Verlags herauszugeben.

Die Metaphern, Symbole, Analogien, Begriffe dieses Romans erstehen aus einer Landschaft, die durch Schützengräben zerschnitten, von Bunkern unterminiert ist, in der Granaten krepieren, Menschen zerrissen werden, Panzer sich als "Riesenkröten der Maschinenzeit" voranwälzen, "von einer frostigen Zukunft überstrahlt".

Rund um die Stadt Mindenburg hat sich ein Kessel gebildet, in dem die Deutschen von der Sowjetarmee eingeschlossen werden. Es sind etwa ein Dutzend Figuren, aus deren Perspektive Zand den Zusammenbruch schildert: einige Angehörige der Kompanie Spohr, die, ohne noch an irgendeinen Sinn des Kampfes zu glauben, sich den Mechanismen des Krieges unterwerfen; der Oberstleutnant Erkner, der sich kaltherzig in hochtrabenden Abstraktionen ergeht; die Ärztin Dr. Maja Vesalius, die – einer Camus-Heldin gleich – sich für das Ausharren an den Krankenbetten entscheidet.

Zand beschreibt die Situation der Eingekesselten in einem Stil, der die Bruchstücke dieser zerschossenen Außen- und Innenwelt in überscharfer Realistik heraushebt, zugleich aber einbindet in eine Symbolik und Bildhaftigkeit, mit der sich der Roman zur hochverdichteten Parabel über die Grundsituation des Menschen steigert. Alle Reflexionen über den Krieg im Kessel münden in den Schluß: "Der Kessel war überall..., er war das Leben selbst..., faßbarer Ablauf der Zeit zwischen Geburt und Tod..."