gern würden Deine Freunde und auch ich Dich heute, an Deinem 80. Geburtstag, in die Arme schließen, aber Du bist entschwunden. Entflohen nach Polen, so heißt es. Vielleicht wirst Du heute dort sein, wo Du 1945, beim Einmarsch Eurer Armee, in der Nähe von Danzig verhaftet wurdest. Verhaftet bei dem Versuch, Brutalität und Vergewaltigung durch siegestrunkene sowjetische Soldaten zu verhindern. „Bürgerlich-humanistische Propaganda des Mitleids mit dem Feind“ – so damals die Anklage, und das Urteil: zehn Jahre Lager und Gefängnis.

Ich blätterte in diesen Tagen noch einmal in Deinem Buch „Tröste meine Trauer“ und auch in Solschenizyns „Erstem Kreis der Hölle“, der die Jahre Eurer gemeinsamen Haft in der Scharaschka beschreibt. Wieder staune ich darüber, daß Ihr es fertiggebracht habt, auf dem winzigen Raum zwischen den zweistöckigen Eisenbetten und im Hof unter den Augen der Aufseher über den Sinn der Geschichte, über Rußland, Literatur und Musik zu diskutieren; so, als säßet Ihr in Wien im Kaffeehaus oder im Luxussanatorium des „Zauberbergs“.

Erst durch Dich, Lew, ist mir klargeworden, wie ungebrochen Euer – der Russen – Verhältnis zur Welt der Literatur ist. Immer und unter allen Umständen, so scheint es mir, hattest Du Umgang mit den Großen der geistigen Welt, nicht nur Rußlands, auch Deutschlands. Natürlich weißt Du viel mehr über Goethe, Heine, Brecht, Böll ... als der normal gebildete Deutsche.

Du hast viele unserer Schriftsteller, von Goethe bis Anna Seghers, übersetzt, kommentiert und für die russischen Leser erschlossen. Überhaupt hast Du Dich Dein Leben lang, auch gerade nach allem, was zu unseren Lebzeiten geschehen ist, um die deutsch-russische Verständigung bemüht.

Du konntest das überzeugender tun als irgendein anderer, weil Du Dein Land, dessen Geschichte und Literatur, in ganz einzigartiger, umfassender Weise zu Deinem geistigen Besitz gemacht hast. Das Rußland von Puschkin, Tolstoj, Lermontow, Tschechow ist wirklich Dein Rußland. Du bist selbst ein Teil dieses weiten, oft schwer begreiflichen Landes.

Als ich Dich bei meiner ersten Reise nach Moskau vor dreißig Jahren kennenlernte, träumtest Du von einem freien Rußland, das es zu schaffen gelte. Wir saßen damals in Eurer Moskauer Küche, in der man stets Hilfesuchende antraf. Rückkehrer aus dem Gulag – Mühselige und Beladene. Heute ist es nicht viel anders. Du hängst Deinem Traum nach, man sitzt in der Küche – nunmehr in Köln –, und immer gibt es versprengte Landsleute, die Quartier suchen, Rat oder Zuspruch. Und nie werden sie enttäuscht.

Die Güte und Heiterkeit, die Du ausstrahlst, erwärmt sie und auch mein Herz. Sei gegrüßt, bedankt und umarmt.

Marion