Nun hat sich das Lila des Kostüms der Maria Jepsen doch gegen das Schwarz und Grau der Männer durchgesetzt und ist zur bischöflichen Farbe geworden. Mit einer überraschend klaren Mehrheit wählte die Nordelbische Synode schon im ersten Wahlgang die Pröpstin zur Hamburger Bischöfin, weltweit die erste in der evangelisch-lutherischen Kirche.

Schlagzeilen waren der Wahl vorausgegangen. Läßt die Bibel eine Frau im Würdenamt zu? Mehrmals betonten Sprecher auf der Synode, die Medien hätten das Thema hochgespielt. Mit der Zulassung der Frauen zur Ordination sei schon in den sechziger Jahren die Frage grundsätzlich gelöst worden. Aber eben nur grundsätzlich und theoretisch; praktisch unterlagen schon zweimal Frauen ihren männlichen Gegenkandidaten in Bischofswahlen Nordelbiens.

Die Hamburger Wahl war für die nächsten neun Jahre die letzte Gelegenheit, zu beweisen, daß es der Synode mit der gleichen göttlichen Ebenbildlichkeit von Frau und Mann ernst ist. Am Morgen der Wahl lag Spannung und Unsicherheit über der Synode im Hamburger Michel. Niemand wagte, einen Sieg der Kandidatin oder des Hauptpastors Helge Adolphsen vorherzusagen. An Maria Jepsen störe ihr Feminismus, so moderat sie ihn auch vorbringe, an Adolphsen seine Vergangenheit als Militärdekan.

Vor der Mittagspause treten die Kandidaten mit Erklärungen vor die Synode. Da A vor J geht, ist der Mann als erster dran. Adolphsen, Hausherr der St.-Michaelis-Kirche, des Michels, verkündet mit ruhiger Sicherheit und lauter Stimme ein Zehnpunkteprogramm für das Bischofsamt im säkularisierten Umfeld. Er demonstriert seine Kenntnisse der Stadt, zählt die Nöte der sozial Benachteiligten auf und nennt die Anliegen der Verantwortungsträger in Politik und Wirtschaft. Vielleicht wirkt er zu gut und zu glatt. Sein Auftreten entspricht dem eines herkömmlichen Politikers; kandidierte er für das Amt des Bürgermeisters, er hätte gute Chancen.

Dann kommt die 47jährige Pröpstin. Die Aufregung ist ihr anzumerken. Sie spricht zu schnell und zu leise; Techniker verhelfen ihr zu mehr Lautstärke. Zu Beginn erzählt sie eine chassidische Legende über die Sintflutgeschichte. Noahs rettende Arche sei, im Doppelsinn des hebräischen Wortes, eine Sprache gewesen, die „Obdach und Zuflucht“ gewährte. Maria Jepsen lädt ein, eine „Spracharche“ zu bauen – zum Beispiel gegen Sätze wie „Das Boot ist voll“ – für Menschen in Hamburg mit über 140 nichtdeutschen Muttersprachen.

Abschließend spielt sie auf die Skepsis an, die sie allenthalben gespürt habe. „Von Medienleuten wurde ich gefragt: ‚Braucht die Kirche nicht einen starken Bischof? Sie wirken doch eher zerbrechlich. Wie wollen Sie das schaffen?‘ Dann guckten sie herunter an mir, an meinen 1,68 Metern, mit einem Lächeln, das wir Frauen nur allzugut kennen. Am liebsten hätte ich dann geantwortet: ‚Gott ist in den Schwachen mächtig‘ – aber das grenzte ja schon an Überheblichkeit und Größenwahn.“ Langanhaltender Applaus der Synodalen und Gäste. Mit 78 gegen 44 Stimmen gewinnt Maria Jepsen, sie lacht. Lauter Jubel im alten Michel, die historische Stunde der Kirchengeschichte hat viel Fröhliches.

Was alles anders würde, wann denn an der Basis der neue Stil der „Frau Bischöfin“ bemerkbar würde, wird Maria Jepsen später bei der Pressekonferenz gefragt. „Es wird langsam gehen“, sagt sie, „es braucht Zeit, das hierarchische Gebilde aufzulockern. Aber steter Tropfen höhlt den Stein.“ Ohne Scheu antwortet sie mehrmals „Ich weiß nicht“, als Journalisten Einzelheiten ihrer zukünftigen Amtsführung wissen wollten.

Martin Merz