Von Klaus Pokatzky

Es gibt Richter, die größte Schwierigkeiten haben, ihre Urteilsbegründungen in sauberem Deutsch aufs Papier zu bringen. Und es gibt den Münchner Amtsrichter Herbert Rosendorfer. Der beherrscht das Deutsche nicht nur wie ein Profi, sondern ist auch noch ein manischer Vielschreiber. Seit 1966, gerade ein paar Monate im bayerischen Justizdienst, hat er fast kein Jahr verstreichen lassen, ohne das Publikum mit Werken zu beglücken, die sich von dürren juristischen Schriftsätzen erheblich unterscheiden: Romane, Erzählungen, Theaterstücke, Hörspiele, Fernsehfilme.

Irgendwo bei Opus 50, man kommt mit dem Zählen inzwischen nicht mehr mit, liegt nun die neueste Kreation aus dem Hause Rosendorfer vor: "Die Goldenen Heiligen oder Columbus entdeckt Europa". Auf den ersten Blick ist es wieder eine Geschichte aus dem menschlichen Skurrilitätenkabinett, in dem sich unser Autor so gerne aufhält – auf der Suche nach dem Irren im Normalen, nach dem Normalen im Irren.

Die Goldenen Heiligen, außerirdische Lebewesen mit tödlichen Strahlen, beginnen im Oktober 1992, also genau 500 Jahre nach der Heimsuchung Amerikas durch Kolumbus, sich langsam die Erde untertan zu machen: auf der gierig-süchtigen Suche nach geschnitzten Holzschuhen der holländischen Machart wie weiland eben die Spanier auf der Jagd nach dem indianischen Golde.

In erster Linie interessieren Rosendorfer jedoch nicht die schwammig-schillernden Monster aus dem All, sondern die Menschheit in all ihrer Dummheit, die nach und nach vom Erdboden verschwindet, bis noch einige Restexemplare in einem Zoo übrigbleiben – zum Gaudium der außerirdischen Invasoren. Der allerletzte wird dann im Jahre 2081 der Ich-Erzähler Gorbi Ivan Ivo Menelik m Hichter sein, dessen familiäres Umfeld aus den allerverschrobensten Gestalten besteht. Es ist ein Milieu, das es Rosendorfer angetan hat: die diversen Bewegungen der siebziger und achtziger Jahre. Und so rechnet er ab mit Emanzentum und Esoterik, Turnschuhen und Terrorismus, antiautoritärer Erziehung und engen Hosen. Besessen vom Ekel vor der ganz gewöhnlichen menschlichen Dummheit wie von seinem Schreibzwang, kämpft Rosendorfer wieder einmal mit seinem ausgesprochen hübschen Formulierungstalent, seinen ansehnlichen Waffen aus dem Arsenal des bürgerlichen Bildungskanons und eben seinem Witz gegen die unerträglichen Doofen an. Damit hat er früher auch schon beachtliche Erfolge gehabt. In seinen "Briefen in die chinesische Vergangenheit" etwa, die ein Mandarin aus dem 10. Jahrhundert, der mittels einer Zeitmaschine ins heutige München transformiert wurde, an seinen zeitlich und örtlich zurückgebliebenen Busenfreund über diese wundersamen Langnasen schreibt.

Vor allem aber schafft es Rosendorfer in "Ballmanns Leiden oder Lehrbuch für Konkursrecht", einer grandiosen Beichte Justitias über das Leben und Treiben ihrer Diener. Wo der Vorsitzende Richter Doktor Ballmann am Tag nach seinem fünfzigsten Geburtstag beschließt, sein Bett erst mal nicht mehr zu verlassen und statt dessen langsam, aber sicher meschugge zu werden. Da hat man den Eindruck, daß Rosendorfer sich an Themen herangemacht hat, mit denen er jahrelang schwanger gegangen ist, das ist sprachlich aus einem Guß, und man möchte eigentlich gar nicht mehr aufhören zu lesen. Da schreibt er ja auch aus seiner eigenen Welt.

Das Milieu aber, das er nun in den "Goldenen Heiligen" aufs geistige Schafott legt, der deutsche Mensch in seiner alternativtümelnden Version, ist dem Münchner Verkehrsrichter einfach zu fremd. Die Rolle des abgeklärten Philosophen, der weise lächelnd wohldosierte Prisen feiner Ironie verstäubt, liegt Rosendorfer ohnehin nicht. Bei den "Goldenen Heiligen" wird seine Neigung fatal sichtbar, seine literarische Bewältigung der menschlichen Blödheit nicht in der Sprache, aber in der Arbeitsweise des aktenabarbeitenden Richters zu erledigen. Faszikel auf Faszikel, Aufschrift: "Die Dummen". Aufgeklappt, gründlich studiert, Randbemerkungen angebracht, zugeschlagen, Kürzel auf den Deckel. Abgehakt und in den Umlauf.