Enttäuscht, aber nicht überrascht“ stellt ein Journalist in dem renommierten Londoner Wirtschaftsmagazin The Economist fest, daß er in den vergangenen zwei Jahren Hunderte von Managern interviewt hat, darunter aber nur zwei Frauen. Kein Wunder: Zwar sind vierzig Prozent der arbeitenden Bevölkerung Amerikas und Großbritanniens Frauen, doch sitzen nur zwei Prozent auf Spitzenpositionen in Großunternehmen.

Dies werde sich in Zukunft ändern müssen, meint der Economist in seiner Ausgabe vom 28. März und stellt die These auf, daß „talentierte Frauen nicht die einzigen Verlierer sind, wenn Unternehmen es versäumen, Frauen einzustellen oder sich weigern, sie zu befördern“. Auf Dauer werde derjenige Firmenchef das Nachsehen haben, der keine Frauen einstellt, „weil er sein Reservoir an verfügbaren Managertalenten um die Hälfte reduziert“. Schon jetzt sind 52 Prozent aller Hochschulabsolventen in Amerika und 44 Prozent in Europa Frauen.

Warum sitzen so wenig Frauen in den Chefetagen von Weltfirmen, obwohl in den USA bereits 1980 ebenso viele Frauen wie Männer einen Universitätsabschluß vorwiesen? Das Standardargument, Frauen stiegen aus der Karriere aus, weil sie eine Familie mit Kindern haben wollen, läßt der Economist nur insofern gelten, als Frauen tatsächlich weniger auf das Arbeitsleben hin erzogen werden und deshalb im Gegensatz zu Männern eine Wahlmöglichkeit zwischen Familie und Beruf haben. Vor allem aber tragen sie immer noch die Hauptlast im Haushalt und bei der Erziehung der Kinder. Karriere bedeutet oft Verzicht auf Familie, ganz im Gegensatz zu den Männern: „Spitzenjobs sind für Männer mit Ehefrauen.“ Neunzig Prozent der US-Top-Manager haben mit vierzig Jahren Kinder, aber nur fünfunddreißig Prozent ihrer Kolleginnen. „Wenn Frauen dann sehen, daß sie in ihrer Arbeit unterbewertet werden und keine Aufstiegschancen haben, dann ist die Familiengründung das Ergebnis und nicht die Ursache für den Ausstieg aus der Karriere“, schreibt der Economist.

Männer müssen selbstbewußt, siegessicher sein, das verlangt ihre Rolle. Frauen gereicht Gleiches schon mal zum Nachteil. Männer, so haben viele Studien ergeben, reden doppelt und dreifach so oft und so lange in Versammlungen oder Konferenzen. Frauen hören mehr zu und stellen eigene Äußerungen leichter in Frage. Das wird dann als mangelnde Durchsetzungsfähigkeit gewertet – „gut für Cocktailpartys, aber nicht für Chefetagen“.

Der Feminismus werde die Einstellung der Firmenchefs wohl kaum ändern, meint der Economist, wohl aber der Anstieg der Arbeitskosten: „Bei den augenblicklichen Geburtsraten wird sich der Anteil der 15- bis 24jährigen Amerikaner zwischen 1990 und dem Jahr 2025 von 14,5 Prozent auf 12 Prozent verringern, in Europa noch mehr.“ Spätestens dann werden die Firmen gezwungen sein, „mehr Frauen einzustellen – oder sie müssen weniger qualifizierte Männer beschäftigen“.

Flexibilität der Unternehmer zu ihrem eigenen Vorteil lautet das Rezept des Wirtschaftsmagazins: gleitende Arbeitszeiten und Job-sharing für beide Geschlechter. Sylvie Wickert