Von Andreas Lindner

KRAICHTAL. – Da saß er schuldbewußt vor mir, mit beredter Körpersprache an mein Mitleid appellierend; da saß er – und ich empfand Erbarmen: mein Freund, ein Stasi-Spitzel, einer von vielen. Begierig stürzte ich mich auf Details, sachlich-rational, detektivisch-neugierig. Ich suchte und gewann aus seiner Geschichte Aufklärung für meine Geschichte.

Da saß er – und ich spürte Neugier und Erbarmen. Zorn, Wut, Ärger; Trauer und Enttäuschung regten sich, blieben aber in der Kehle stecken. Denn feinfühlig und zurückhaltend – wie mein Freund ist –, war er sparsam mit Entschuldigungsversuchen. Daß er nicht wirklich geschadet habe. Daß die Bespitzelten weniger politisch, sondern mehr nach allgemeinem Strafrecht und Rechtsempfinden auffällig gewesen seien. Und für Momente war er wieder mein Freund, der mir versicherte, daß er nicht mich verkauft, nicht mich bespitzelt habe. War ich da, für einen Augenblick versöhnt und scheinbar im Vertrauen bestätigt, plötzlich im Rollentausch ein Kumpel der Stasi? Die Neigung, mich versöhnen zu lassen, das kurze Aufatmen bei der Versicherung, daß die Heimtücke anderen galt, erscheinen mir verräterisch.

Die Neugier drängte: Wie war das möglich? Wie konnte man dich kaufen, ausgerechnet dich? Man mag der Meinung sein, daß nur starke Menschen zu politischem Widerstand befähigt seien, während Plebejer ihren Aufstand in der Phantasie proben. Meinen Freund sah ich stets als eher schwachen Menschen, als einen, der auf liebenswerte Weise weltfremd wirkt, nicht sonderlich begabt in den Dingen des Alltags, des Geldes, der Ellenbogen. Darum habe ich ihn mitunter beneidet. Er schien weniger verführbar. Ich suchte Erklärung dafür in dem, was mir versagt war, der naiven Vorstellung folgend, der Glaube könne Menschen einen festen Halt gewähren. Erzogen in einem evangelischen Pfarrhaus, schien mein Freund in einer unprätentiösen Frömmigkeit zu ruhen und in seinem Handeln von einem stillen Ethos geleitet, das ihn zu solcherart Schlechtigkeit unfähig machte. Ausgerechnet er?

Wodurch waren sie verführbar, die vielen? Womit wurden sie korrumpiert? Appellierte man an die Motive der Freiwilligkeit, an Ehrgeiz, Neid und Haß? Versprach man die entbehrte Freiheit, die vermißte Anerkennung oder gar das große Geld? Preßte man zur Einwilligung mit der Drohung für Leib und Leben, mit Jahren des Verzichts, mit Gefahr für Freunde und Angehörige? Das wird es zweifelsfrei gegeben haben.

In der DDR waren wir erzogen worden, fein und achtsam zu unterscheiden, wann und wo und zu wem man dies oder jenes sagen dürfe, könne, müsse. Gut trainiert wurden wir, uns in zwei Welten zu bewegen, der selbst erlebten und der offiziell verordneten. Den Zwiespalt auszuhalten oder den Konflikt vermeintlich zu lösen, gab es einige Möglichkeiten. Die gebräuchlichsten und wiederholt beschriebenen: gläubige Verdrängung, Zynismus der Anpassung, Rückzug in die politische Nische und trotzig-pubertäres Insistieren auf dem Erlebten. Kann ich meinem Freund verdenken, daß seine Fähigkeit, die ausgestreckte Hand zurückzuweisen, Versöhnung abzulehnen, sich als begrenzt erwies? Kann ich ihm verübeln, daß er angesichts eines hedonistischen Zeitgeistes allenthalben erlahmender Leidensbereitschaft nicht länger in der Lage war, den Konflikt auszuhalten? Kann ich einem Sensiblen vorwerfen – zu dessen Hybris es gehört, nicht nur seiner Überzeugung zu leben, sondern auch mit gutem Gewissen –, daß sein Harmoniebedürfnis ihn besiegte? Ist es da noch von Belang, ob er sich durch das Lächeln seines Vernehmers, ein paar Zigaretten oder zusätzliche Literatur verführen ließ? Der Zweifel, die Frage, ob ich – zumal unter solchen Bedingungen – die Versöhnung verheißende und Schuld lösende Hand der Stasi hätte ausschlagen können, bleiben gedacht.

Er wird wohl ahnen, mein Freund, daß es mir gegenwärtig schwerfällt, spontan zum Telephonhörer zu greifen oder zu Feder und Papier. Enttäuscht weiche ich dem suchenden Blick eines Menschen aus, der beflissen und eigenhändig pedantisch-ausführliche Spitzelprotokolle verfaßte.