Widersprüchlich, undurchsichtig, umstritten – ohne solche Begriffe kommt bei allem Respekt auch dieses mehr als gründliche Werk nicht aus, das der Figur des „Ochsensepp“ Josef Müller (1898 bis 1978) ein biographisches Denkmal setzt. Der Autor hat als fleißiger Doktorand buchstäblich alle erreichbaren Fakten über den Mann zusammengetragen, der es vom Bauernbuben zum schlauen Anwalt, Geheimdienstler, Verschwörer, Parteigründer und Vorsitzenden der CSU brachte. Ein „Mensch mit zwei Gesichtern“ schon in der Nazizeit, stieß Müller zur Militäropposition gegen Hitler, zog Fäden über den Vatikan bis nach England, ließ sie aber auch zu den braunen Machthabern nie ganz abreißen und konnte sogar als deren „Sonderhäftling“ dem Tod entwischen.

Müllers mehr gesamtdeutsche als bayerische Orientierung ließ ihn schon früh, 1949, an und in seiner Partei scheitern. Scheinbar (oder wirklich) Zwielichtiges seiner Vergangenheit nährte Zweifel und Intrigen. Seine Memoiren (1975) lasen sich spannend, erhellten und verhüllten manches. Doch selbst seinem wohlwollenden Biographen hat jetzt nicht nur die Familie den Einblick in Müllers Nachlaß verweigert; das Bayerische Hauptstaatsarchiv wollte dem Historiker Hettler nicht einmal Einblick in die Polizeiakten von 1934 gewähren. Müllers Spruchkammerakte, die vielleicht Hinweise enthielt, warum er in der Entnazifizierungspolitik der Amerikaner „Nazimethoden“ am Werk sah, ist nicht „auffindbar“, seine Gespräche mit Kommunisten und Sowjets, für die er 1946 sogar als Vermittler zum Papst reiste, bleiben im Halbdunkel. Hansjakob Stehle

  • Friedrich Hermann Hettler: Josef Müller („Ochsensepp“)

Mann des Widerstandes und erster CSU-Vorsitzender; Neue Schriftenreihe des Stadtarchivs München; UniDruck München 1991; 467 S., 29,80 DM