Von Julius H. Schoeps

Seit den ältesten Zeiten galt es als selbstverständliche Lehre der rabbinischen Tradition, daß der Messias in der Stunde erscheinen werde, in der die Zustände am schlimmsten sein würden. Immer wieder schienen bestimmte Geschichtsphasen diesen Bedingungen zu entsprechen, und es fehlte unter den Juden nicht an Menschen, die die messianische Rolle zu erfüllen vorgaben. Das war zur Zeit der Unterdrückung durch die Römer der Fall wie auch beim Aufstieg des Islam, zu Beginn der Kreuzzüge und nach dem tragischen Höhepunkt der Vertreibung aus Spanien. Kein Zustand aber schien den Bedingungen der Ankunft des Messias deutlicher zu entsprechen, als die Lage der Juden um die Mitte des 17. Jahrhunderts. In Spanien und Portugal wüteten die Feuer der Inquisition, in Polen und Ungarn veranstaltete der Kosaken-Hetman Bodgan Chmielnicki grauenhafte Pogrome, in deren Gefolge Tausende und aber Tausende Juden ums Leben kamen.

Von den Gestalten, die sich als der Messias ausgaben (oder sich tatsächlich dafür gehalten haben), ist wohl die faszinierendste der aus Smyrna in Kleinasien stammende Sabbatai Zwi (1626 bis 1676) gewesen. Den Zeitgenossen galt er als ein gewiegter Talmudkenner, der schon als Jugendlicher den Titel chacham erhalten hatte, die sephardische Ehrenbezeichnung für Rabbi. Gershom Scholem, der vor zehn Jahren verstorbene bedeutende Kabbala-Forscher und Religionshistoriker, hat sein Opus magnum diesem Manne und den Wirkungen, die von ihm ausgingen, gewidmet. Seine jetzt endlich in deutscher Sprache vorliegende Biographie spiegelt eine heute nur noch selten anzutreffende Gelehrsamkeit, und ist, was kein Widerspruch sein muß, gleichzeitig auch noch verständlich geschrieben. Der Leser wird nicht nur in die Welt der kabbalistischen Mystik eingeführt, sondern erfährt geradezu aufregende Einzelheiten über Sabbatai Zwi, diesen Ekstatiker, dessen Lehren die europäische Judenheit radikal veränderten, aber auch unübersehbar an den Rand eines Abgrunds führten.

Die äußere Erscheinung Sabbatai Zwis und seine Persönlichkeit werden als ungewöhnlich eindrucksvoll beschrieben. Die Verehrung, die ihm entgegengebracht wurde, wußte er geschickt zu nutzen. Bei seinen Anhängern weckte er die Überzeugung, daß er der lang ersehnte und erwartete Messias sei. Als Zeitpunkt der Selbst-Offenbarung wählte er 1648, jenes Jahr also, in dem die grauenvollen Chmielnicki-Massaker ihren Höhepunkt in der Hinschlachtung von über 300 000 Juden und in der Ausrottung von über 300 Gemeinden in der Ukraine und in Polen fanden. Nach den Zahlenwertberechnungen der Kabbalisten sollte das Jahr 1648 aber nicht nur ein Jahr der Demütigung, sondern auch das Jahr der Erlösung sein. Es heißt, Sabbatai Zwi hätte damals eine Stimme vernommen, die seine Mission verkündete: „Du bist der Retter Israels ... ich schwöre bei meiner rechten Hand und der Stärke meines Arms, daß du der wahre Erlöser bist und keiner außer dir die Erlösung bringen wird.“

Sabbatai Zwis Auftreten vor der Gemeinde in Smyrna wuchs sich zu einem handfesten Skandal aus. Bewußt brach er überkommene Tabus. So beging er eine Reihe befremdlicher Handlungen und sprach unter anderem den vollen Gottesnamen (Schem amephorasch) aus, der sonst nur mit Umschreibungen (Adonai = mein Herr, oder Schem = Name) benannt wird. Der Zorn der Rabbiner war groß. Sie legten ihm nahe, die Stadt zu verlassen, was er mit einigen seiner Adepten dann auch tat. Von Smyrna aus begab er sich auf eine mehrjährige Wanderschaft, die ihn auf verschlungenen Wegen durch die Türkei nach Ägypten und Palästina führte. Auf dieser Wanderschaft traf er unter anderem den Kabbalisten Abraham Jakhini, der später einer seiner glühendsten Anhänger und aktivsten Parteigänger werden sollte.

Der aus Konstantinopel stammende Abraham Jakhini war es, der seinem Messianismus neue Akzente aufsetzte. Anders als Sabbatai und die meisten übrigen Kabbalisten wollte Jakhini die Endzeit nicht mit Fasten und Beten herbeizwingen, sondern mit kultischen sexuellen Gruppenorgien, in denen sämtliche Sittengesetze bewußt gebrochen wurden. Teilweise stand dahinter wohl die Überlegung, daß die Messiaszeit bereits angebrochen und folglich schlechthin alles erlaubt sei. Wenn der Messias erst einmal gekommen sei, so meinten Jakhini und seine Anhänger, dann gebe es keine Sünde und folglich auch keine Gebote und Verbote mehr.

Auf Sabbatai machte dies alles einen tiefen Eindruck. War er bis zu diesem Zeitpunkt noch der Auffassung, sich kasteien und einsam leben zu müssen, wechselte er jetzt in das andere Extrem. Er entsagte der bis dahin propagierten Leibfeindlichkeit und heiratete in Kairo ein Mädchen namens Sarah, das die Kosakenpogrome in der Ukraine überlebt und seine Nähe gesucht hatte in der Überzeugung, sie sei ausersehen, die Gattin des Messias zu werden. Ihr bis dahin etwas fragwürdiger Lebenswandel hielt Sabbatai nicht ab, sie zu seiner Frau zu machen. Er berief sich einfach auf den Propheten Hosea, der ebenfalls, angeblich auf göttliches Geheiß hin, eine Hure geheiratet haben soll.