Wovon träumen junge Mädchen? Von David Hasselhoff und Ferien auf dem Ponyhof? Die Zeiten von Lassie und Flicka sind wohl endgültig vorbei, wen also soll die Geschichte eines Hundes in Tel Aviv interessieren?

Doch Vorsicht! „Wasserman“ ist keineswegs ein rührseliges Tierbuch, wenn auch der Hund gleichen Namens die Hauptrolle spielt. Talia, der Erzählerin, einem fünfzehnjährigen Mädchen, kommt eines Tages ein Hund über den Weg gekrochen, halb totgeprügelt, abgemagert, mit angesengten Hoden. Sie bringt ihn zu einem Arzt, vergißt Schule und Eltern und pflegt ihn gesund. So weit, so vertraut. Doch durch Talia wird die Schablone zu einer der berührendsten Geschichten, die ich kenne.

Yoram Kaniuk, der zu den bedeutenden Autoren Israels zählt, ein streitbarer Kritiker seines Staates und zugleich sein überzeugender Verteidiger, hat die Verbindung aus Hund und Mensch in seinem Meisterwerk „Adam Hundesohn“ nun auf zwei „Personen“ verteilt: Wasserman und Talia. Und mit Talia ist ihm eine Figur gelungen, die die Güte und Warmherzigkeit des kleinen Prinzen mit der Pfiffigkeit von Pippi Langstrumpf verbindet, klug und zugleich verzagt, stark und kindlich, distanziert und gefühlvoll.

Zugleich schafft es Kaniuk, daß wir den Menschen dieses Romans schon nach wenigen Seiten wie lang vertrauten Nachbarn begegnen. Da meckert die patent-neurotische Mutter mit ihrem Haarwasch-Tick, der liebenswerte, aber linkische Vater kann die Farben nicht mehr richtig unterscheiden – was ihn als Maler in eine tiefe Krise führt –, und Herr Josef, „ein Mann, der sich selbst gehört“ – wie Talia ihn beschreibt –, sucht immerfort nach seiner Frau und den Kindern, die er im Nazi-Terror verlor. Nur Talia, die er wie eine seiner Töchter liebt, vertraut er die Pflege seiner 10 000 Fische an. Und nicht zuletzt ist da Gidi, der spindeldürre Junge aus Talias Schule, ein Rechengenie von anrührender Schüchternheit, der erst am Ende der Geschichte wagt, Talia seine Liebe zu gestehen.

Man sollte es genießen, einmal wieder vorbehaltlos von einem Buch zu schwärmen. Einem Hundebuch, einem Mädchenbuch, einem Buch ohne Zeigefinger, einem Buch über Vergangenheit und Zukunft, über Wahrhaftigkeit und Mut.

Und auch das gehört dazu: Am Ende triumphiert Talia über Jankel Großmaul, den Tierquäler und ersten Besitzer von Wasserman, erfährt, was Liebe ist und wie es sich anfühlt, „verrückt“ nach jemandem zu sein. Und wenn mir in Zukunft etwas egal ist, erinnere ich mich immer daran, was Talia sagen würde: „Es ist mir wichtig wie eine Knoblauchschale.“ Klaus Humann

Yoram Kaniuk: