Es war einmal ein Hase, der hieß Albert und lebte im grünen Gras.“ Das Gras ist tannengrün, der Hase alt und die Wiese... ja, die Landschaften, die John A. Rowe formt, sind eigenartig spannungsgeladen. Ein Horizont, weit oben am Seitenrand oder in die Ferne getrieben, und der ungewöhnliche Schattenschlag einiger Figuren machen aus den fast monochromen Flächen herrlich surreale Spielräume. Irgendwo sitzt noch ein Käfer, äugt noch ein Maulwurf aus seinem Haufen. Aber keine Spur jener Putzigkeit, die solche Dekor-Wesen sonst im Bilderbuch verbreiten. Wir sehen aller intensiven Farbigkeit zum Trotz karge Studiobühnen, und der Hase sitzt denn auch da, als warte er auf Godot. Er verharrt weit oben am steilen Abhang und starrt – quasi Aug’ in Auge – (Trost suchend?) den Mond an.

„Eines Abends aber war der Mond nicht zu sehen. Er hatte sich hinter einer Wolke versteckt. Albert wurde ganz unruhig. Statt lange in die Leere zu starren, ging er spazieren.“ Schlagartig verlischt alles Grün. Dumpfbraun ist der Hügel, die Welt. Ein beiger Streifen, quer über die Seite, gibt einen Weg ab. Gedrückt spaziert der Hase, als einziges Lebewesen im Bild deutlich präsent – und ist doch halbverdeckt durch einen lila Baumstamm. Unruhe, Unrast strahlen aus dieser Illustration, irritierend durch unausgewogen Statisches.

Irgendwo die Überreste eines Gartenfestes. Und Albert endeckt den Mond, der an einem Faden hängt. Mit rührendem Eifer versucht er nun, den Mond an seinen angestammten Platz zu befördern. Vergeblich. Als Albert wieder im Gestrüpp landet, taucht der Mond hinter der Wolke auf. Der Jubel ist groß, die Selbsttäuschung sichtbar.

„Hasenmond“ verbreitet die Melancholie der wahren Clowns. Der Hase, eher schrullig und unbeholfen, erweckt Mitleid und hat doch die Unbestechlichkeit des vorgehaltenen Spiegels. So ist Albert auch kein Hoppel für das frühjahrsbedingte Geschäft, eher die zeitlose Vorlage für eine Parabel. Und wie John A. Rowe schon Kiplings „Känguruh“-Erzählung geradezu enigmatisch ins Bild setzte, wie er Felszeichnungen statt Tierbildchen malte, wird die Verschlossenheit seiner Hasengemälde zum sanften Zwang, die Offenheit dieser unglaublichen Bilder zu entdecken.

Hans ten Doornkaat

  • John A. Rowe: Hasenmond

Übersetzt von Peter Baumann; Neugebauer Press, Salzburg/München 1992; 28 S., 22,80 DM