Wirtschaftswissenschaft

Von Nikolaus Piper

Warum kaufen die meisten Menschen eine Fahrkarte, wenn sie die Straßenbahn benützen? Die Antwort scheint ebenso naheliegend wie banal: Es ist eben verboten schwarzzufahren. Doch für Ökonomen ist die Sache ein wenig komplizierter. Denn wirtschaftlich gesehen lohnt sich Gesetzestreue hier absolut nicht: Es wäre viel billiger, alle paar Monate einem Kontrolleur sechzig Mark Strafe zu bezahlen als zwölfmal im Jahr die vorgeschriebenen hundert Mark für eine Monatskarte. Und so ist es eher erstaunlich, daß nicht viel mehr Menschen schwarzfahren.

Dies ist nicht die einzige Verhaltensweise, die Ökonomen mit herkömmlichen Theorien nicht erklären können. So gehen die meisten Bundesbürger zur Wahl, obwohl niemand vernünftigerweise damit rechnen kann, daß gerade seine Stimme am Wahltag den Ausschlag gibt. Sie sammeln Tonnen von Altglas, obwohl die dadurch bewirkte Verbesserung der Umweltbilanz für den einzelnen minimal ist und den mühseligen Gang zum Altglascontainer kaum aufwiegen dürfte. Sie spenden Milliarden für Misereor, Brot für die Welt und amnesty international und bekommen dafür nichts außer einem minimalen Steuernachlaß und einem beruhigten Gewissen.

All dies ist im Gedankengebäude der herkömmlichen („neoklassischen“) Ökonomie nicht vorgesehen. Diese Theorie nämlich beruht auf dem Konstrukt des Homo oeconomicus, eines imaginären Wesens, das kühl die Konsequenzen seines Handelns abwägt und jederzeit danach strebt, seinen Nutzen oder seinen Profit zu mehren. Natürlich wissen die meisten Ökonomen auch, daß der Mensch in Wirklichkeit ganz anders ist; daher versuchen sie immer wieder, Phänomene wie Nächstenliebe und andere Irrationalismen in ihre Theorie einzubauen. Im großen und ganzen jedoch verständigte sich die Zunft darauf, daß das Modell zwar nicht ganz stimmt, daß es aber doch in der Regel ausreicht, um wissenschaftliche Aussagen zu begründen.

Vor allem dient das Modell als Leitbild für die Wirtschaftspolitik: Wenn nur Verbraucher und Unternehmer von der Vormundschaft des Staates befreit werden, dann werden sie im wohlverstandenen Eigeninteresse die besten Entscheidungen treffen. Die „unsichtbare Hand“ des Marktes führt zur „optimalen Allokation der Ressourcen“ – die Reichtümer dieser Welt werden so verteilt, daß die Menschen am meisten davon haben.

Rückkehr zu moralischen Werten