Was ein Land seine vitalen wirtschaftlichen Interessen nennt, sind nicht die Dinge, die seine Bürger zu leben befähigen, sondern die Dinge, die das Land befähigen, Krieg zu führen; Öl wird viel wahrscheinlicher internationale Konflikte auslösen als Weizen. Wenn also Krieg geführt wird, so ist es zum Zweck der Sicherung oder Steigerung der Fähigkeit, Krieg zu führen“, so schrieb Simone Weil 1937 in einem ihrer großen antimilitaristischen Essays, und damit ist sie heute so aktuell wie damals. Die französische Philosophin und Friedensaktivistin gehört zu den in diesem Band portraitierten Frauen, ebenso wie die deutsche Widerstandskämpferin Sophie Scholl, die britischen Pazifistinnen Kate Courtney und Maude Royden, die Schriftstellerinnen Virginia Woolf und Christa Wolf sowie die amerikanische Visionärin Helen Keller und die Dichterinnen Muriel Rukeyser, Denise Levertov und Sharon Olds. „Frauen gegen den Krieg“ – der Titel des Buches soll nicht implizieren, daß Männer keine Kriegsgegner waren oder sind oder daß Frauen zu allen Zeiten nicht auch Kriegs- und Rüstungswahn mitgetragen oder gar geschürt haben. Die Autorin, Sybil Oldfield, Dozentin für englische Sprache an der Universität von Sussex und seit mehr als drei Jahrzehnten in der Friedensbewegung engagiert, will vielmehr an einige herausragende Frauengestalten erinnern, die in unserem von verheerenden Kriegen gezeichneten Jahrhundert eindeutig Stellung gegen den Krieg bezogen und sich der Rechtfertigung von Kriegen leidenschaftlich widersetzt haben – und die sich doch kaum Gehör verschaffen konnten. Sie wurden nicht müde, ihre Stimme zu erheben und in Reden, Artikeln, Romanen oder Gedichten eindringliche Plädoyers abzulegen wider den Kriegsgeist, für die Menschlichkeit. „Humanismus fordert uns auf, Kraft nicht zu bewundern, den Feind nicht zu hassen, die Glücklosen nicht zu verachten“, so schrieb Simone Weil, „denn das Gefühl für menschliches Elend ist eine Vorbedingung für Gerechtigkeit und Liebe.“ In Tagebuchaufzeichnungen und Briefauszügen dürfen wir teilhaben an ihrer Entwicklung, ihren inneren Kämpfen, ihrer Verzweiflung und ihren Ängsten, dürfen aber auch ihre Liebe zum Leben, zum Nächsten, zur Natur miterleben. Gewalt lehnen sie ab, die Ehrfurcht angesichts militärischer Heldentaten verabscheuen sie, bequeme Feindbilder wollen sie nicht übernehmen. „Warum sollte die Nächstenliebe da aufhören, wo die Kanalfähre losfährt?“ fragt Virginia Woolf. All diese mutigen Frauen bekennen sich zu unpopulären politischen Überzeugungen, beweisen in hohem Maß Zivilcourage und leisten unerschrocken Widerstand, da, wo er ihnen geboten scheint. Dabei nehmen sie persönliche Nachteile ebenso in Kauf, wie sie Demütigungen, Ausgrenzungen und Angst vor Übergriffen ertragen oder sogar, wie Sophie Scholl, ihr eigenes Leben einsetzen. Das erforderte, wie diese sich und anderen immer wieder ins Gedächtnis rief, „einen unnachgiebigen Geist und ein sanftes Herz“ – menschliche Qualitäten, die heute so gefragt sind wie damals.

Gisela Heitkamp

  • Sybil Oldfield: Frauen gegen den Krieg

Alternativen zum Militarismus 1900-1990; aus dem Englischen von Heidi Fehlhaber; S. Fischer Verlag, Frankfurt 1992; 283 S., 36,– DM