Wir müssen hier vor einem Vorfilm warnen, der seit einiger Zeit in unseren Kinos läuft: Zwei treiben es, das Bett quietscht. Durch die Heizungsrohre greift der Rhythmus auf das ganze Mietshaus über: Die Cellistin spielt rhythmisch Cello, die Hausfrau klopft rhythmisch Teppich, der Ehemann pumpt rhythmisch einen Fahrradreifen auf, der Hausmeister streicht rythmisch und immer schneller die Decke, und zum Orgasmus fällt er von der Leiter, der Fahrradreifen platzt, die Celloseite reißt. Dieser Vorfilm ist sehr gut. „Da gehen wir rein, oder?“ fragt der Kinobesucher schelmisch seine Kinomitbesucherin, und sie nickt und grinst verheißungsvoll dabei. Der Film, für den der Vorfilm wirbt, heißt „Delicatessen“; er ist (Warnung:) beleidigend schlecht.

Nein, er ist doch gut. Er ist sogar Spitze! Gut gemacht! Und lustig! Die verhärmte Cellistin zum Beispiel lädt den verknautschten Hausmeister zu sich aufs Zimmer zum Tee. Damit sie hübscher aussieht, nimmt sie die Brille ab. Ohne Brille ist sie blind wie ein Maulwurf. Jetzt muß sie einschenken, was besonders komisch ist, weil der Hausmeister mal Zirkusclown war. So was haben wir natürlich schon mal in einem anderen Film gesehen – aber hier ist es präzise gespielt, perfekt beleuchtet und also einfach gut. Bloß hört die Szene plötzlich einfach auf...

Viel später: Die Mieter wollen ihren Hausmeister fressen, der hat sich mit der Cellistin im Bad versteckt, alle Fenster abgedichtet und alle Wasserhähne aufgedreht. Die Kannibalen brechen die Tür auf – und werden weggeschwemmt. Das ganze Haus wird weggeschwemmt. Ein genialer Effekt! Wie haben die das bloß gemacht? Und diese Szene geht dann auch vorbei.

Und die nächste (klasse, wie der Typ da seine Präser mit Fahrradflicken flickt!) und die nächste. Und die nächste. Die Ideen sind komisch – aber sie bleiben unter sich. Die Figuren sind ulkig – aber sie dürfen keine Menschen werden. Und aus dem Witz wird kein Aberwitz – denn schon kommt der nächste Witz. Und alle Szenen haben am Ende ein Loch. Was fehlt da? Plötzlich geht uns ein Licht auf: Es fehlt der Tusch, es fehlt der Name des Produkts, für das hier geworben wird! Die Szene mit dem blinden Mauerblümchen? Ein supergeiler Werbespot für Fielmanns neue Kontaktlinsen. Die Wasserschlacht im Badezimmer? Hammerharte PR-Action für tesa-moll (nichts dichtet dichter!). Jede Sequenz in diesem Film ist reif für die Cannes-Rolle. Ein guter Film? Ein schlechter Film!

Jean-Pierre Jeunet und Marc Caro, die diese „Delicatessen“ zusammengebraut haben, sind (wir haben richtig geraten!) erfahrene Werbefilmer. Ihr Film soll ein Stück Kuchen sein, das Leben interessiert sie nicht. Nachtisch zuerst! Aber bloß zuckersüße Sahne als Hauptgericht – das ist ein schlechtes Essen. Apropos Essen: Der Dichter Georg Seidel würde, äße er in einer Kneipe eine schlechte Bohnensuppe, folgendes tun: „Ich würde ins Beschwerdebuch, aber auch nur, falls ich Lust dazu habe, ich würde euch ein besseres Rezept verraten. Und wenn ich nach Wochen wieder in diese Kneipe komme, was ich aber auch nur im Notfall tun würde, eh, wirklich nur im äußersten Notfall, und ich kriege wieder so eine miese Suppe auf den Teller geknallt, na dann, ich würde den Chefkoch erwürgen.“ Genau. Robin Detje