Daß literarische Zeitschriften in gewissen Situationen politisch werden müssen, weiß man nicht erst seit gestern. Aber die Veröffentlichung literarischer Texte aus Osteuropa macht die Zusammenhänge für jedermann deutlich. Vier estnische Dichter in Akzente (1, Februar 1992, Hanser Verlag, München) belegen vollends, daß "in der kleinen Stadt an der Ostsee / die Sorgen dieselben sind / wie in der großen weiten Welt. / Einen blöden Schlager auf den Lippen, / mit halbgeschlossenen Augen, / steht die Welt / am Rande des Abgrunds" (Viivi Luik, Reval).

Herausgeber Michael Krüger wirft zur Eröffnung des 39. Jahrgangs noch einen Rückblick auf die "Siege" der vergangenen Jahre: "Es konnte nicht ausbleiben, daß einige unserer Schriftsteller, im Gegensatz zu unseren wie durch ein Wunder unverwundet gebliebenen Soldaten, im Verlauf der siegreichen Kämpfe schwere Rückgratverletzungen hinnehmen mußten, die jetzt auf Medienkosten geheilt werden. Andere Krankheiten, die in der geschichtlichen Phase unserer Entwicklung als ‚moralische Leiden‘ klassifiziert wurden, werden nicht mehr behandelt, weil es sie nicht mehr gibt."

Er hat ja recht. Der große Wurstmarkt ist verlaufen. Die Veranstalter werden zur Kasse gebeten. Die vom großen Bruder kleingeredeten "Schwestern und Brüder" gewinnen ihre angemessene staatsbürgerliche Distanz als Herr und Frau Schulze zurück, indem sie ihren Teil an der großdeutschen Erbschaft einfordern. Daß vereinen teilen heißt, begreift allmählich auch der letzte Jubler. Nur Bruder Honecker hält sich heraus. "Er ist nach Rußland gegangen, zu unseren Freunden", schreibt Krüger. Kennt der Saarländer Erich die pfälzische Verwandtschaft zu gut?

Aus staatsbürgerlicher Distanz stellt das Forschungsjournal für Neue Soziale Bewegungen (NSB 1/1992, Presseverlag Schüren, Marburg) neue Beiträge zum "Experiment Vereinigung" (Claus Leggewie) vor. Sie belegen, daß die Gruppen der Bürgerbewegung falsch kalkulierten, als sie auf Basisdemokratie, Volkssouveränität und die Legitimation durch eine neue Verfassung setzten. Die Wähler legten "offenbar in hohem Maße individuelle Nutzenkalküle zugrunde". Wen wundert’s? Die Folge aber ist, daß die ostdeutschen Bürgerbewegungen keinen systemverändernden Effekt erzielten wie die 68er-Bewegung in der Bundesrepublik. Ob eine Fusion von Bündnis 90 mit den Grünen daran etwas ändern kann, scheint mir nach dem Bericht von Wolfgang Templin eher zweifelhaft. Er stellt dar, wie beide Gruppen einander näherkommen.

Die Vereinigung war eben kein Experiment, sondern eine Konstellation unberechenbarer Faktoren. Der Soziologe Karl-Dieter Opp: "Wie erklärt man die Revolution in der DDR?" bemerkt denn auch in seinem komplexen Modell, daß die "Risiko-Kalkulationen" zur Teilnahme an Demonstrationen nicht überprüfbar sind. Die nichtorganisierten Proteste wären beim Eingreifen der Sowjetmacht wohl bald am Ende gewesen. Opps Kollege Ralf Dahrendorf beantwortet in Heft 3 von Transit. Europäische Revue (Verlag Neue Kritik, Frankfurt) die Frage: "Müssen Revolutionen scheitern?" mit der Feststellung, daß übertriebene Erwartungen, zum Beispiel auf Basisdemokratie, immer scheitern, aber auch mit dem Unterton, gefälligst dafür zu sorgen, daß die Osteuropäer nicht glauben müssen, Demokratie bedeute hohe Preise, hohe Arbeitslosenzahlen, niedrige Einkommen für die Mehrheit und Spekulationsgewinne für eine Minderheit: "Warum wählen, wenn das dabei herauskommt? Wozu überhaupt eine Demokratie?" Aus den nachfolgenden Interviews von Aleksander Smolar mit Kurt Biedenkopf, Bronislaw Geremek und Janos Kis muß man schließen, daß die Fundamente des Vertrauens, die das "Europäische Haus" braucht, noch lange nicht gelegt sein werden. Bis dahin orientieren sich die Menschen in "überholten" Einrichtungen, denen das Hauptinteresse dieses Heftes gilt.

Noch ein Blick auf die "Altlasten" der "Schwestern und Brüder". In NSB 1/1992 zitieren die Journalisten Klaus Farin/Eberhard Seidel-Pielen einen 22jährigen Rechtsradikalen aus Leipzig: "Mein Großvater war in der SS, die Großmutter hatte auch eine führende Rolle in der Hitlerzeit. Auch meine Eltern akzeptieren meine Einstellung, wenn ich mal wieder linke Zecken umgehauen habe." Kriminalisten schätzen ein Gewaltpotential von 15 000 meist sehr jungen Rechtsradikalen in den neuen Bundesländern und 2000 organisierten Neonazis. Den familiären Zungenschlag haben sie aus der Tradition des deutschen Nationalismus. Daran lassen auch die Aufsätze in Sowi. Sozialwissenschaftliche Informationen (4/1991, Verlag Pädagogika Zentrale, 3016 Seelze-Velber) keinen Zweifel. Das Heft analysiert das ideologische Stammkapital der Rechtsparteien und dessen symbolische Umsetzung.

In Das Argument. Zeitschrift für Philosophie und Sozialwissenschaften (Heft 191, Januar/Februar 1992, Argument Verlag, Hamburg) zitiert Arim Soares do Bern einen antinazistischen Jugendlichen aus Berlin-Kreuzberg: "Aber wenn jemand nach Kreuzberg kommt, um Ausländer zu schlagen oder Mädchen zu vergewaltigen oder Deutsche zu schlagen, dann sollen sie sich nicht wundern, wenn sie irgendwann mal irgendwie einen Schuß in den Kopf kriegen oder sowas ..."