Sat 1, donnerstags: "Einspruch"

Mieter zum Beispiel haben es heutzutage des öfteren schwer. Die Hausbesitzer nutzen die Wohnungsknappheit und ekeln die Leute aus den Etagen, um nach Modernisierung oder Verkauf ordentlich abzusahnen. Das ist marktgerecht, aber nicht menschlich. Und weil Mieter keine Lobby haben, bleiben sie meist mit ihrem Leid allein.

Sie und andere drangsalierte Gruppen, die sich nur schwer zu helfen wissen, finden immer mal unverhofft Anwälte in der Boulevardpresse. Bild hat vor Jahren eine Mordskampagne zur Wahrung der Würde aller Entrechteten und Beleidigten gestartet – wobei Wirbel und Gedöns genügten, damit der Primärzweck, die Auflagensteigerung, erreicht wurde. Was dann letztlich aus den Entrechteten geworden ist, interessierte keine Sau.

Seit uns mit den Privatsendern auch im Fernsehen Redaktioner. mit vergleichbar populistischem Zugriff auf die Welt erwachsen sind, war es nur eine Frage der Zeit, bis die Live-Sendung zur Rettung der Enterbten und Geprellten, unterbrochen von zwei Werbeblöcken, im Programm erschiene. Jetzt ist es soweit. Sat 1 hat Ulrich Meyer zum Einspruch gegen das Unrecht am kleinen Mann in die Arena geschickt.

Bei der Premiere in Berlin waren die Mieter dran. Von Hausbesitzern terrorisierte Familien schilderten die Eskalation, Anwälte die Rechtslage und Vermieter ihre Geldsorgen. Je ein Abgesandter des Haus- und Grundbesitzervereins und des Deutschen Mieterbundes kamen zu Wort, ein stadtbekannter Frankfurter Immobilien-Hai stellte sich, und als Höhepunkt trat Bauministerin Irmgard Schwaetzer persönlich in den Ring.

Ich hatte nichts Gutes erwartet und sah die Miet-Misere schon zum Vorwand für hochgespielte Greuel und wohlfeile Jeremiaden ausgenutzt. Aber es kam anders. Was Ulrich Meyer da inszeniert hat, war eine Annäherung an das Protest-Fernsehen, von dem linke Medien-Theoretiker immer geträumt haben.

Ulrich Meyer wollte nur wissen, wie Frau Schwaetzer wohnt. Die Ministerin wollte es nicht sagen und ging mit geübter Eleganz darüber weg. Die Frage war im Kontext der Sendung legitim und wurde von Meyer höflich, aber fest wiederholt. Frau Schwaetzer sprach von etwas anderem. Meyer fragte erneut nach den persönlichen Wohnumständen der Ministerin. Diese zeigte mit autoritärem Mißbehagen, daß sie die Frage nicht wünschte. Hartnäckigkeit stand gegen Hartnäckigkeit. Bis Frau Schwaetzer ganz erstaunt aussah und man merkte: Das war sie nicht gewohnt. Ein schöner Moment im Fernsehen.