Von Thomas Schmid

Er war ein anerkannter Politiker und der Meinung, man müsse die bisher wildwüchsige Zuwanderung dieser Fremden begrenzen. Viele pflichteten ihm bei: Mal warf man den Fremden vor, sie würden mit ihren lockeren Sitten die Moral des Landes untergraben, mal verdächtigte man sie eines gefährlichen religiösen Fundamentalismus und mißtraute ihnen, weil sie sich in ihren communities abkapselten. Das Wahlrecht wollte man ihnen verweigern, und nicht selten gingen die Einheimischen mit rabiaten Mitteln gegen die unwillkommenen Fremden vor.

Die Rede ist weder von Max Streibl noch von den achtziger oder neunziger Jahren dieses Jahrhunderts. Wir schreiben vielmehr das Jahr 1751, der anerkannte Politiker heißt Benjamin Franklin, und gemeint sind nicht Türken oder Jugoslawen, nicht Asylbewerber oder "Wirtschaftsflüchtlinge", sondern – Deutsche in Amerika. Diese auf den ersten Blick ungewöhnlichen, weil seitenverkehrten Beispiele von Xenophobie werden in einem Sammelband dargestellt, der auf ebenso materialreiche wie übersichtliche Weise die Normalität von deutscher Migration und Migration nach Deutschland behandelt. "Deutsche im Ausland – Fremde in Deutschland" lautet der Titel des Bandes, den der Historiker Klaus J. Bade, Leiter des Instituts für Migrationsforschung und interkulturelle Studien in Osnabrück, herausgegeben hat und der Beiträge von 33 Autoren enthält.

Die gegenwärtige Debatte über Migration und Flüchtlinge ist von Aufgeregtheiten, Horrorszenarien und der Unverantwortlichkeit zündelnder Politiker (auch eines Oskar Lafontaine!) geprägt. Daß mit einigem Erfolg die Angst vor "Überflutung" und "Überfremdung" mobilisiert werden kann, hat auch damit zu tun, daß ein historisches Bewußtsein von der Kontinuität der Migration wie des Fremden fehlt. Außergewöhnlich erscheint die heutige Situation nur deswegen, weil wir das Fremde, das in unserer Gesellschaft gewissermaßen sedimentiert ist, als solches nicht mehr wahrnehmen. Die endlosen Bevölkerungsbewegungen und -Vermischungen vergangener Zeiten sind – sieht man von polnisch oder französisch klingenden Namen ab – nicht mehr sichtbar. Der von Klaus J. Bade herausgegebene Band ist schon dadurch verdienstvoll, daß er die historische Tiefendimension der Migration herausarbeitet und deren Jahres- beziehungsweise Jahrhundertringe darstellt. Sehr schnell wird deutlich, daß die Migration schon immer der europäische Normalfall war und daß die Staaten von der Zuwanderung (die sie nicht selten – etwa im Rahmen absolutistischer "Peuplierungspolitik" – aktiv organisierten) in der Regel kulturell wie wirtschaftlich profitierten. Ein solcher Blick in die Geschichte ist nützlich: Er kann dazu beitragen, der aktuellen Auseinandersetzung das Dramatische zu nehmen.

Seinen besonderen Reiz erhält das Buch jedoch durch einen schlichten, dabei aber überaus schlauen editorischen Schachzug. Der Band ist in zwei Teile gegliedert, die sich spiegelbildlich zueinander verhalten. Es geht nicht nur um die Migration nach Deutschland, die heute die Spalten der Gazetten füllt und für Hektik sorgt, sondern auch um das Gegenstück, um die Migration der Deutschen in die Fremde. Und da erscheint alles schlagartig in einem ganz anderen Licht. Dieselben Deutschen, die zu Hause stets um die Bewahrung des Eigenen, um die "Reinheit" der Kultur besorgt sind und den Fremden nur sehr widerwillig Zutritt gewähren, nahmen selbst von jeher das Recht auf Migration ohne Zögern in Anspruch, retteten sich vor politischer oder religiöser Verfolgung ins Ausland oder legten in der Fremde all jene Eigenschaften an den Tag, die sie den Fremden im eigenen Land nicht durchgehen lassen wollen. Sie schlossen sich zuweilen eigensinnig gegenüber der Kultur des aufnehmenden Landes ab, ließen nach dem Prinzip der "Kettenwanderung" Verwandte und Bekannte nachkommen, unterboten in ihren Gewerben die ansässige Konkurrenz und kamen oft als "Wirtschaftsflüchtlinge", die keineswegs immer die pure Not, sondern oft auch die Hoffnung auf Wohlstand in der glücklicheren Fremde zur Emigration getrieben hatte.

Der erste Teil des Buches ist den Deutschen im Ausland gewidmet; die Darstellung beginnt mit der mittelalterlichen Ostsiedlungsbewegung und endet mit der großen Wanderungsbewegung in die Neue Welt, vor allem in die USA. Dabei wird deutlich, daß Motive und Methoden der Migration stets sehr vielfältig waren und sich kaum von den heutigen unterscheiden. Es gab die gezielte Anwerbung von Fremden (etwa im Rußland Katharinas II.), die neue Territorien erschließen oder neue Fertigkeiten ins Land bringen sollten; Deutsche verließen ihre Heimat aus Not, aus religiösen und politischen Gründen, aus Abenteuerlust, aus Neugier auf ein vages Schlaraffenland, aufgrund von Bevölkerungsdruck oder in Flucht vor heimischen Naturkatastrophen; und nicht selten hatten sie unter dem Mißtrauen, der Mißgunst und der Fremdenfeindlichkeit der Einheimischen zu leiden.

Wie paßten sich die Deutschen, denen ein gängiges Vorurteil ein besonders intensives Nationalbewußtsein unterstellt, ihrer Umgebung an? Ließen sie sich auf das Wagnis der Integration ein? Es zeichnet sich am Beispiel Rußlands, der südosteuropäischen Staaten und auch Amerikas stets der gleiche Befund ab: Die Deutschen waren vergleichsweise hartnäckig bemüht, ihre Kultur, ihre Sprache, ihr Erbrecht und ihre kommunale Selbstverwaltung zu bewahren – im Grunde aber nur aus dem Interesse heraus, sich selbst zu behaupten. Selten standen die deutschen Gemeinden, Siedlungsgebiete und communities ihrer Umgebung aggressiv und feindlich gegenüber. Und je weniger Mißtrauen und Repression ihnen begegnete, desto mehr öffneten sie sich gegenüber der Gesellschaft des Gastlandes: Die abgrenzenden Besonderheiten verloren an Bedeutung, schliffen sich ab und reduzierten sich auf Sprache und Kultur, die Identitäten wurden vielfältiger. Die Pflege der Bräuche aus der alten und der Patriotismus für die neue Heimat gingen zuweilen erstaunlich problemlos Hand in Hand. Selten verschwand das Deutsche ganz, oft aber verlor es seinen bestimmenden Charakter. Und erst als im 19. Jahrhundert die Nationalstaaterei aufkam, die Nationen (oder die, die es sein wollten) sich wechselseitig voneinander abgrenzten, wurde der systematische Unfrieden zur Regel: Plötzlich fielen die Deutschen in der Fremde als Fremdkörper auf – der sie doch längst nicht mehr waren. Und um sich inmitten der negativen Stigmatisierung zu behaupten, schlossen sie sich nun ihrerseits enger zusammen – diesmal wirklich als Deutsche –, was wiederum die Mehrheitsbevölkerung veranlaßte, sich ebenfalls stärker abzugrenzen und die eigene nationale Besonderheit zu unterstreichen und zu erfinden. Es war die Idee des Nationalstaats, die diese Deutschen wieder zu Fremden gemacht hat.