Der Mensch, sofern er schlichten Gemüts ist oder sonst nur mit dem eigenen Wagen fährt, besteigt ein öffentliches Verkehrsmittel meistens in der Annahme, mit richtigem Geld einen ordentlichen Fahrschein zu bekommen. Auch Pfennige sind, wer will es leugnen, richtiges Geld. Aber wer dem Fahrer eines Linienbusses etwa mit zwanzig einzelnen Pfennigstücken kommt, der muß damit rechnen, aus der Busgemeinschaft ausgebürgert zu werden.

Wie viele Pfennigstücke muß nun ein Busfahrer annehmen, bevor er das Recht hat, einen Fahrgast vor die Tür zu setzen? Fünf, zehn, zwanzig – oder sogar noch mehr? An der Endstation Neumühlen in Hamburg hat der Busfahrer immer noch ein bißchen Zeit, bevor er abfährt. Ich frage ihn also zwischen Tür und Kasse: „Wie viele Pfennigstücke müssen Sie annehmen?“

Er ist gut gelaunt und findet meine Frage berechtigt: „Bei uns in Hamburg bis zu zehn Pfennigstücke. Ich nehme auch schon mal mehr als zehn Pfennige an, wenn ich sehe, daß der Fahrgast sonst nichts anderes mehr im Portemonnaie hat. Aber ich muß das nicht.“

Die Ungerechtigkeit dieser Welt bringt es mit sich, daß ein Busfahrer sowohl hinter dem Lenkrad als auch an der Kasse immer allein ist, während die Kollegen Kontrolleure auf der Jagd nach Zahlungssäumigen meistens zu dritt kommen. Schon deshalb verdient der Fahrer so manche Entschuldigung, wenn ihm mal die Nerven durchgehen. Wie soll er, der ja gelegentlich auch während der Fahrt kassieren muß, sich auf den Verkehr konzentrieren, wenn ihn da einer mit Pfennigstücken traktiert?

Im Bus wird immer in runden Zahlen abgerechnet, ganz anders als im Laden, wo Pfennige sogar als taktisches Mittel der Verkaufsförderung eingeplant sind: 99 Pfennig für einen Diät-Joghurt, 1,99 Mark für ein Paket Margarine, 9999 Mark und 99 Pfennig für einen Pelzmantel, Donnerwetter, so billig?

Als ich in „meinen“ Bus einsteige, habe ich ein dickes Portemonnaie mit viel Kleingeld. Die Pfennige aus dem Warenhaus haben sich angesammelt. Und nun will ich sie – ein bißchen hinterhältig, zugegeben – wieder loswerden. An der Buskasse. Mein Fahrpreis: 2,10 Mark. Zwei Mark lege ich in einem Stück hin, den Rest in einem Häuflein von Pfennigen. Mein Busfahrer schaut mich vorwurfsvoll an und sagt: „Haben Sie’s nicht ein bißchen kleiner?“ Er gibt mir trotzdem einen ordentlichen Fahrschein. Und als die Kontrolleure kommen, zu dritt, bin ich froh. Meinen Busfahrer bitte ich nachträglich um Entschuldigung, daß ich mit ihm den Pfennigtest gemacht habe.

Gerhard Seehase