Viele Bücher sind in einem Buch. Eines erzählt vom Reichtum eines armen Lebens. Arm woran? An Abwechslung gewiß, an Erlebnissen nicht. Die wenigen großen Ereignisse im Leben der Farmerstochter Hannah Meier prägen sich ihr so stark ein, daß sie ihr Leben lang davon zehrt. Und lange daran zu kauen hat.

Hannah Meier ist kein reiches und kein rundes Leben beschieden, sie wird dürr und spitz daran, bitter und böse. Es ist also auch das Buch von einer pietistischen alten Hexe, die mal eine hoffnungsvolle junge Frau war. Immer will sie fort von der Farm, von den harten Männern, in deren Fron sie steht, vom Vater, dann vom Bruder und den entfremdeten Söhnen. Doch sie findet den Mut nicht, sich gegen das Gebot des Herrn zu stellen. Im Hause der deutschstämmigen Farmer wird allabendlich aus der Bibel gelesen. Wie es der Vater tat, so übernimmt Hannah das Zeremoniell nach seinem Tod, und wieder wünscht sie Gottes Zorn auf ihre Nächsten herab, die ihr das Leben sauer machen. Hannahs Gedanken über das eigene Leben sind in alttestamentarischen Formeln befangen. Daß es so hart und karg ist und so unerfüllt bleibt, diese große Ungerechtigkeit hat sie gelernt, in den Kategorien der Gottesfurcht zu erdulden.

Ein einziges Mal wird sie sündigen, da ist sie schon vierzig: „Und als Jake dann von der Landstraße in den Farmweg einbog und am Hintereingang hielt, um mich aussteigen zu lassen, da hatte ich Unzucht getrieben – nicht einmal, sondern öfter und vielfältiger, als ich es mir je hätte vorstellen können – auf dem Rücksitz seines goldfarbenen Autos, während die Grillen im hohen Gras jubilierten. Ich wartete darauf, daß Gott mich tot niederschmetterte.“

Das Äußerste an Auflehnung, wozu Hannah fähig ist, das sind ihre kleinen heimlichen Racheakte am Herd, wenn sie den Hühnerdarm nicht ausspült, den sie ihren Männern vorsetzt; die merken es nicht einmal. Einmal weigert sie sich sogar, Kaffe nachzuschenken, ohne darum gebeten zu werden; dafür wird sie fast erschlagen. Als sie so viel wagt, ist sie schon eine Greisin.

Die Kapitel sind mit Jahreszahlen zwischen 1927 und 1987 überschrieben; die Zeit ist der Hauptakteur des Buches, sie bestimmt die Dramaturgie. Sie vergeht, ohne sich zu erfüllen, in ihr hallen die merkwürdigen Zufälle nach, die jemand wie Hannah Meier als Schicksal und Fügung anzusehen gelernt hat. Zwischen im Winde knatternden Bettüchern wird der Vater sie verfluchen und daran sterben. Da ist sie sechzehn, die Wäsche wird ihr bleiben, Woche um Woche, und wird ihr lebenslang ein Zeichen sein. Im Keller, wohin sie vor einem Tornado geflohen ist, wird ihr Inzest-Kind im siebten Monat geboren; es überlebt als das Unheil, das der Wirbelsturm brachte. Die Schwester kam mit einem Bräutigam auf die Farm, den sie gegen den Willen des Vaters heiraten wollte, sie verunglückt und bleibt gelähmt; in Jahrzehnten entartet sie im dunklen Hinterzimmer zu einem teigigen, larmoyariten Gespenst. Lauter skurrile Zufälligkeiten, die nur als göttliche Schicksalsschläge verkraftet werden können. Viel Zeit zur Bewältigung, Jahre, sich zu gewöhnen, sich abzufinden, daran zu wachsen und zu schrumpfen, weil die heute so naheliegende Möglichkeit fehlt: die Flucht. Es ist ein Buch vom Sich-Durchbeißen, vom Überleben in der unwirtlichen Fremde des amerikanischen Westens, mit den unzureichenden Mitteln der Treue und Redlichkeit, die man aus dem fernen Deutschland mitbrachte.

Es ist also auch ein exotisches Buch. Es beschwört die Härte, Monotonie und Enge, die wir aus unserem modernen Leben vertrieben haben. Es beschwört sie als den Hunger nach Leben, den Durst nach Liebe. Ein Leben, von dem man in Zeiten der Übersättigung träumt.

Martin Ahrends.