Von Ulrich Horstmann

Die von Michael Krüger betreute "Edition Akzente" wird zehn Jahre alt. Sie erfreut sich eines guten Rufs. Der irische Lyriker und Essayist Seamus Heaney nicht minder. Also hat man sich zusammengetan. Das Ergebnis darf man mit Fug und Recht ein Debakel nennen.

Der Band "Die Herrschaft der Sprache" mit ausgewählten Aufsätzen ist eine Zumutung, und zwar in dreierlei Hinsicht. Erstens: weil hier ein geschwätziger savant im Dünkel poetischer Erwähltheit über die Köpfe seiner Adressaten hinwegdoziert. Zweitens: weil der Übersetzer der deutschen Sprache nicht mächtig ist und das pseudotiefsinnige Parlando Heaneys nach Kräften mit eigenen Widersinnigkeiten anreichert. Und drittens: weil das Lektorat des Hanser-Verlags im Jubiläumsjahr von alledem offenbar nichts gemerkt hat.

Oder hat sich nur keiner getraut, den Kollegen zu flüstern, daß die Essays über weite Strecken mal aus heißer philologischer, mal aus noch höhertemperierter poetologischer Luft bestehen? Wenn die aus einem Vortrag über Yeats entweicht, klingt das zum Beispiel so: "Es scheint mir, als habe Yeats mit dieser Antwort eine heimliche Fessel durchtrennt und das esoterische Randgeschehen für den Dienst am nationalistischen Herzland eingespannt, indem der Kulturagitator eine Rettungsleine über den schlummernden Teich historischer Feindschaft ausgeworfen hatte, die so neutral war wie die Theosophie selbst: Die ruhige Oberfläche seiner Rede, bis in die Tiefe aufgeladen mit potentieller Rebellion. Die Bemerkung hinterläßt eine sich weitende Spur in der Vorstellung und erzeugt mittels perfekter Tarnung der urteilsmächtigen Intention ein Nachspiel sich überlappender Wirkungen."

Wer hier partout noch gewisse Spurenelemente von Sinn ausmachen möchte, der versuche sein Glück doch gleich noch einmal. Im folgenden geht es um die Marienstatue in Robert Lowells frühem Gedicht "Quäkerfriedhof in Nantucket", und das einzige, was bei Heaney "donnert und wogt", ist die bombastische Selbstbewegung einer ausgewaschenen Sprache: "Um diese Achse des Unschönen herum wogten und donnerten die ozeanischen Symphonien, und sie waren auf die Ruhe der Statue mehr angewiesen als auf das massierte Instrumentarium des Vokabulars für ihre schlußendlichen Auswirkungen an Turbulenz und Tragik."

Im Original liest sich solcher Nonsens wenigstens noch rhetorisch flüssig. Aber auch dem hat der Übersetzer einen Riegel vorgeschoben. Er überträgt Heaney nicht, er radebrecht ihn ins Deutsche. "Vom Fühlen in die Wörter" lautet die Überschrift des ersten Essays, und schon spürt man ihn, den stechenden Schmerz im Sprachzentrum, der den wegdösenden Leser immer wieder durchzuckt und aufrüttelt. Da wohnt der Dichtung etwas "ein" statt "inne", da wird eine Schallmauer "durchschossen" statt "durchbrochen", da muß "Owen Auden im Kopf gewesen sein", da "werfen" Wellen weite Kreise, die selbst ein Unbuch wie dieses immer nur ziehen kann. Denn bei derartigen Sprachschludereien bleibt es nicht. Gravierende Übersetzungsfehler kommen hinzu und ermöglichen das paradoxe Erlebnis, bei den Erkundungen der "Herrschaft der Sprache" an die Grenzen der Selbstbeherrschung zu geraten.

Wie sonst soll man reagieren, wenn jemand das englische in the dock (auf der Anklagebank) mit "eingedockt zur Überholung" wiedergibt, moment grundlos zum "Wimpernschlag" hochpoetisiert, "Expatriaten" und "Diktionenschnüffler" erfindet, the sensation of meaning in "sinnlose Wahrnehmung" verkehrt, "unschuldige Nummernstammelei" schreibt, wo jemand zum ersten Mal auf Versfüßen trippelt; trotz solcher Weitherzigkeiten den Gedichttitel "Daddy" aber in peniblen eckigen Klammern als "Papi" erläutert. "Gedächtnishuldigungen", "professionelle Schleifung", "Innenfütterung" – Stichprobe genügt, schon rebelliert das Sprachgefühl. Die tautologische Verdrehtheit eines "mit dem individuellen Muster aus Wahrnehmung, Stimme und Gedanken imprägnierten Wasserzeichens" scheint demgegenüber kaum noch der Rede wert.