Allen Mozarts, allen boomenden Ligetis und Debussys zum Trotz: Richard Wagners „Ring des Nibelungen“ behält die Aura des unbedingt Maximalen wie des Singulären, des Unergründlichsten wie, bei allen spektakulären Katastrophen, Reiz- und Anspruchsvollsten. Ein neuer „Ring“ – das ist ein Drei-Sterne-Ereignis, selbst beim Small talk unter postmodernen Literaten.

Ein neuer „Ring“ braucht heute mindestens eine Sensation. Die an der New Yorker Metropolitan Opera hat – jedenfalls auf den uns in diesen Tagen ausgehändigten elektronischen Ersatzrealitäten – nicht wie üblich mit der Inszene zu tun, sondern rein mit der Musik; sie ist dafür dreifach. Die erste heißt: Jessye Norman – in der Rolle der Sieglinde. Ihre Erzählung der Schwert-Historie, ihr Anteil am „Frühlingszauber“ und ihre fiebrige Vision des kommenden Endes: „Dürfen die Helden Belcanto singen?“ – „Sie müssen!“ Jessye Norman und ihre Klangfarben; ihre Artikulation eines Tones, einer Linie, eine Phrase; ihre Intonation, die nicht für oder um einen Bruchteil schwankt; die unterschiedlichen Persönlichkeiten in einem sonoren Register, in der Mittellage, in der Höhe zwischen F und A; die scheinbare Unaufwendigkeit dieser Musikalität, die gewissermaßen ein ganzes Frauendasein in einen Atemzug zu konzentrieren und in einer Linie auszudrücken vermag; die scheinbare Leichtigkeit, mit der dieser „Ausflug“ in ein für sie (vermutlich) doch nicht so alltägliches Genre bewältigt wird: Um der zwei ersten Aufzüge der „Walküre“ willen lohnt sich bereits die Investition.

Die zweite Sensation ist strenggenommen schon keine mehr: Hildegard Behrens als Brünnhilde. Vielleicht sind die Audiokonservenbenutzer dieses Mal sogar noch etwas günstiger dran als die Apologeten der Video-Live-Authentizität, da sie von der Nachschnitt-Technik der Studio-Leute profitieren. Denn so mühelos und rein, so auf den Punkt genau und im Duktus beherrscht, so innig und triumphal, so jubelnd und zerbrochen, so priesterlich und vital, so kindlich und visionär war eine Brünnhilde lange nicht mehr zu hören.

Das dritte Phänomen: James Levine steuert das Ganze in bewundernswerter Souveränität und Klarheit, gewiß nicht gefährlich nahe an irgendwelchen Experiment-Abgründen, aber immer so, daß man sich mit mächtiger Kraft hineingezogen fühlt, enthusiasmiert, mitgerissen auf die Gipfel wie in die Tiefen der Emotion.

Irgendein Ratschluß hat zwei Jahre nach der CD-Produktion ein paar potente Investoren davon überzeugt, es sei gut, die Aufführung, mit kleinen Besetzungsänderungen, auch auf Videobasis, als VHS-Cassette oder Laser-Disc, zu distribuieren. Ein Schock-Erlebnis. Wer je sich gefragt hatte, ob wohl der Germanen-Verschnitt der bis zur Mitte unseres Jahrhunderts gängigen Wagner-Figuren eines guten Tages seine Renaissance haben werde – mit Wotan müßte man ihm antworten: „Heut’ hast du’s erlebt.“ Otto Schenks Inszenierung hat nichts zu tun mit Motivationsanalyse oder Persönlichkeitscharakteren, nichts mit Schopenhauer und nichts mit Marx, nichts mit dem Bewußtsein von subjektiver und objektiver Zeit, nichts mit aktueller Betroffenheit oder gar zeitbezogener Um-Deutung. Sie beklebt die Musik mit hübschen Glanzbildern – die freilich auf dem Bildschirm in einer farblosen Dämmerung absaufen, und vom grandiosen Zusammenbruch der Opern-Welt bleibt nichts als ein kleiner Feuerwerk-Ersatz. Absurde Schnitte und die nie zu einem Raum-Verständnis führende Nahaufnahmen-Manie entlarven die von Brian Large zu verantwortende Hoppla-hopp-Draufhalte-Produktion als hochgestochen ambitioniertes, aber nicht einmal sich selbst genügendes Pantoffelkino.

Heinz Josef Herbort

• Richard Wagner: