Sei es nun durch Zorn oder Hoffnung hindurch – etwas wird sich enthüllen: eine Welt so übervoll, so reich und überraschend, daß ich das ungewöhnliche Erlebnis haben werde, selbst eine andere zu werden“, schrieb Simone de Beauvoir 1947 in ihr Tagebuch, als sie das erste Mal nach Amerika reiste.

Ähnlich mochten Auswanderer seit fast 500 Jahren empfunden haben, wenn sie ihre Habseligkeiten zusammenpackten, um den wirtschaftlichen Nöten und sozialen Zwängen ihrer Heimat endgültig den Rücken zu kehren und

in eine bessere Welt aufzubrechen. Diese hatte einen Namen: Amerika. Welche Chancen einen dort erwarteten und welche Gefahren einem auflauerten, konnte man nachlesen: zum Beispiel auf bebilderten Flugblättern und Flugschriften, wie sie in der frühen Neuzeit verbreitet waren, seit dem 19. Jahrhundert vor allem in regelmäßig erscheinenden illustrierten Zeitschriften.

Solche Americana hat das Museum für Kunst und Kulturgeschichte in Dortmund zu einer Ausstellung zusammengetragen und in einem begleitenden Essayband kommentiert. Er ist der Bericht einer Reise ins Innere einer Welt, die man ebenso wie die Landmasse jenseits des Atlantischen Ozeans Amerika nannte. Trott der zahlreichen Berichte der Auswanderer und Reisenden blieb sie jedoch das Phantasiegebilde der Daheimgebliebenen, das eher den Gesetzen des Mythos als denen der Realität gehorchte.

Zehn Aufsätze untersuchen in dem Dortmunder Band an Text und Bild, wovon in Deutschland die Vorstellungen von Amerika handelten: von der Unberührtheit eines Paradieses zunächst oder einer „verkehrten Welt“, in der die Ordnung Europas auf den Kopf gestellt und nichts so war, wie es zu sein hatte, später vom sorglosen Leben im Schlaraffenland oder vom hoffnungslosen Kampf gegen die Wildnis. Spätestens seit der Revolution und der Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten 1776 galten diese, zum Inbegriff Amerikas schlechthin geworden, den Unzufriedenen als Hort von Individualismus und garantierter Freiheit, anderen als Land der Gesetzlosigkeit, das nur das Recht des Stärkeren, nicht aber die schützende und ordnende Hand der Staatsmacht kannte. Der technische Fortschritt schließlich machte alle Wunder wahr, von denen man in Deutschland hören wollte: Die Massenmedien hatten das Land der Superlative entdeckt.

1992 feiert Amerika seine Entdeckung durch Europa (oder beklagt sie) und das Weltwunderland seinen 500. Geburtstag. Der Dortmunder Ausstellungsband ist ein spannender unter vielen Beiträgen, die den Anlaß nutzen zu einem kritischen Blick zurück. Vielleicht gelingt es dadurch, nach dem Bekannten in der Neuen in der Zukunft etwas Unbekanntes in der Alten Welt aufzuspüren. Denn was letzterer noch bevorsteht, nach diesem Jubiläumsjahr, ist das ungewöhnliche Erlebnis, selbst eine andere zu werden.

Mirjam Zimmer