Von Rolf-Dieter Müller

Deutsche und russische Diplomaten verhandeln über die Gründung einer autonomen Republik der Wolgadeutschen; Hilfssendungen sollen verhindern, daß sich Millionen Verzweifelter nach Westen in Bewegung setzen; Hungersnöte in Rußland hemmen den politischen und wirtschaftlichen Wiederaufbau des Landes; Aufstände und Bürgerkriege im Kaukasus sowie in den fernöstlichen Republiken erschüttern das ehemalige russische Reich – die Hoffnungen in Moskau auf Hilfe für den dringend notwendigen wirtschaftlichen Neuaufbau des Landes richten sich auf Deutschland.

Das Szenario ist siebzig Jahre alt, Hintergrund für eine historische Weichenstellung in den deutsch-russischen Beziehungen, die sich mit dem Schlagwort Rapallo verbindet. Ein Mythos ist damals entstanden, der die deutsche Außenpolitik bis auf den heutigen Tag verfolgt – und verlockt. Kaum ein anderes politisches Reizwort zwingt die Deutschen sofort zu langatmigen Rechtfertigungen. Es ist ein Reizwort, das in der gegenwärtigen Phase, wo Deutschland noch unsicher nach einer neuen Rolle in der Weltpolitik sucht, mehr Verwirrung als Klärung verspricht – Rapallo also ein historisches Relikt, über das man besser nicht spricht, weil es nur Mißverständnisse produziert?

Schon der bloße Verdacht einer special relationship zwischen Deutschland und Rußland, nach der Art der angelsächsischen Geschwister, reichte in der Vergangenheit immer wieder dazu aus, bei den deutschen Nachbarn Ängste und Besorgnisse hervorzurufen. Auch wenn Bonn stets abwiegelte, die Gespenster der Vergangenheit wollen nicht verschwinden.

Anfang der fünfziger Jahre erlebte die Diskussion einen ersten Höhepunkt. Den Anlaß bot das Bemühen Moskaus, die Westintegration der Bundesrepublik mit dem Angebot einer Wiedervereinigung in Neutralität zu bremsen. Für die sowjetische Außenpolitik galt Rapallo damals und bis zur Auflösung des kommunistischen Regimes in der UdSSR als Modellfall für die propagierte „friedliche Koexistenz“ von Staaten unterschiedlicher Gesellschaftsordnung.

Auf westlicher Seite begegnete man solchen Vorstellungen mitten im Kalten Krieg mit Skepsis und Ablehnung. Dem latenten Mißtrauen seiner westlichen Schutzmächte trat Bonn damals mit dem eindeutigen Bekenntnis zur „freien Welt“ entgegen. Ein Ausgleich mit der Sowjetunion, so meinte Bismarcks „Enkel“ Adenauer, sei nur auf der Grundlage einer Politik der Stärke, im Bündnis mit den Westmächten, denkbar. Seine spektakuläre Moskau-Reise im Jahre 1955 ließ sich also wirklich nicht mit Rapallo in Verbindung bringen.

Die Historiker kamen damals, obwohl nun die geheime Zusammenarbeit von Reichswehr und Roter Armee zumindest teilweise aufgearbeitet werden konnte, bei der Bewertung des historischen Rapallo zu keinem einhelligen Urteil. Noch heute wird, auf den Spuren der verantwortlichen Politiker von Weimar, der Vertrag eher positiv gedeutet. Rapallo dient in diesem Kontext gern als Nachweis einer langen Tradition friedlicher deutscher Verständigungspolitik nach Osten wie nach Westen, schlimmstenfalls als Akt der Notwehr gegen die rigide Siegerpolitik Frankreichs Anfang der zwanziger Jahre.