Paris, Germany“? Hat die Landkarte Druckfehler bekommen? Der Titel des Buches macht neugierig. Die Autorin Janet Flanner, 1889 in Indianapolis geboren, kam 1922 nach Europa. Unter dem Pseudonym Genet schrieb sie alle vierzehn Tage von Paris aus ihre Kolumne „Letters from Paris“ für den New Yorker. Sie war mit Hemingway befreundet und verkehrte in den Pariser Salons der Literaten. Ihre Schreibweise, eine Mischung aus Reportage und Klatsch, erscheint auf den ersten Blick oberflächlich, tatsächlich aber steckt hinter der lockeren Fassade ein scharfer Blick für die wahren Gegebenheiten.

1931 besucht Janet Flanner das erste Mal Berlin. Sie lernt Arbeiter ohne Arbeit und Kapitalisten ohne Kapital kennen. Offensichtlich mag sie die „Teutonen“ nicht. Sie kritisiert die miesen Theater, die Kinos sind ihr zu mickrig, und sie spricht den Deutschen überhaupt jedes Kunstverständnis ab. Fünf Jahre später kommt sie wieder. Diesmal, um über die Olympiade zu berichten. Ausgerechnet Flanner, die „einen Fußball nicht von einem Handball unterscheiden kann“.

Sie konzentriert ihre Berichterstattung deshalb auf Beobachtungen abseits des Sports. Ihre Leser erfahren, wer neben Herrn Hitler, den sie manchmal auch sehr amerikanisch einfach Adolf nennt, in der Ehrenloge sitzt. Trotz aller Versuche der Nationalsozialisten, sich weltoffen zu geben, spürt sie die Atmosphäre des wachsenden Antisemitismus. Über Gründgens’ „Hamlet“-Inszenierung urteilt sie mit scharfer Ironie: „Zumindest eine Bewunderin verließ das Schauspielhaus mit dem Eindruck, daß man Hamlet hier ein Parteibegräbnis erster Klasse verpaßt hatte.“

Im Dezember 1940 schreibt sie aus dem besetzten Paris. Diese Briefe geben dem Buch den Titel. Flanner empfindet die Franzosen als Fatalisten, die die Deutschen als „Nervensägen“ bezeichnen, aber deren Plünderungen kämpf- und klaglos hinnehmen. Sehr genau registriert sie das tägliche Leben: die Rationierung der Lebensmittel, Beschlagnahmung von französischem Staats- und Privateigentum und mokiert sich über die deutsche Politik der Gleichstellung: „Jeder zwei Paar Laken, eine Decke und eine Matratze pro belegtem Bett“.

Sie erzählt von den Gardes françaises, der französischen Hitlerjugend, die auf den Straßen neue Zeitungen verkauft, und vom Klima der Käuflichkeit, das jetzt über der Stadt liegt. Ironisch vermerkt sie den schlechter werdenden Service im „Ritz“. Aber es freut sie, daß die teutonische Ernsthaftigkeit in Paris nur Gelächter hervorruft. Manchmal übertreibt sie jedoch ein bißchen, wenn sie gesehen haben will, wie ein einfacher deutscher Landser ein Lokal im Stechschritt verläßt. Genet übernimmt von den Franzosen den Briefkopf „Paris, Deutschland“.

Vor der Invasion der Alliierten im Juni 1944 reist Flanner nach New York und kehrt erst nach dem Krieg zurück. Sie fährt im Jeep durch das zerstörte Europa und schreibt ihre „Letters“ aus Polen, Holland und auch aus Deutschland, von wo sie über die Nürnberger Prozesse berichtet: „Göring, Gefangener Nummer 1, Anklagebank erste Reihe, Gangseite. Immer noch der Star, aber merklich schlanker“. Die endlosen Anklageschriften langweilen sie genauso wie Heß, der anbietet, seinem Gedächtnis auf die Sprünge zu helfen, wenn das den Prozeß beschleunigen sollte. Sie moniert die deutsche (lizensierte) Presse, die dem Prozeß nicht genug Aufmerksamkeit einräumt, und das ungebrochene Nazi-Denken der deutschen Verteidiger. Geschickt streut sie auch hier ein wenig Polemik in ihren Bericht. So will angeblich der Ribbentrop-Verteidiger Dr. Horn so selten wie möglich im Gerichtssaal auftreten, weil dort angeblich zu viele Juden anwesend sind, und Dr. Seidel, der Heß-Verteidiger, ist so klein, daß er nicht an sein Wasserglas auf dem Pult heranreicht. Für die Autorin ist der Nürnberger Gerichtssaal der Austragungsort der letzten deutschen Schlacht.

Die Stimmung des Buches zerflattert ab und zu durch einige Flüchtigkeiten. Aber „Paris, Germany“ will kein Buch fürs Leben sein.