Von Helmut Schödel

Oben im zweiten Stock, wo der Wind an den altersschwachen Fenstern rüttelt, geht der Vater auf und ab. Er hat einen weißen Bart, Alberichs Gestalt und lebt zwischen altem Gerümpel. Die Tapeten sind vom jahrelangen Rauch vergilbt, die weiße Farbe an den Türen ist abgewetzt, die Decke bekommt Risse, und der Bretterfußboden sieht aus wie das hölzerne Stiegenhaus – schmutzig-grau vor Vernachlässigung. Durch das Haus an der Rathstraße in Neustift am Wald, dem 19. Bezirk Wiens, streunen zwei große Hunde. „In des Haus kummt kaaner“, sagt der Vater, „der würd zerfleischt von die Hund.“

Dem Vater gegenüber sitzt die Tochter in Jeansanzug und Cowboystiefeln, eine Frau wie ein Junge von 33 Jahren, mit großen, traurigen und brennenden Augen. Sie sagt: „I hab di lieb.“ Und der Vater antwortet, in seinem anweisenden, seinem abweisenden Tonfall (und so, als habe dieses Bekenntnis eine ganz elende Geschichte): „Is scho recht. Red ma net davon.“ Er holt ein Photoalbum, das ihn, den Vater, den nebenberuflichen Diakon, der einmal pro Woche zum Bestattungsdienst auf dem Neustifter Friedhof eingeteilt ist, beim Besuch des Papstes in Wien zeigt: „Des is der Papst. Und des bin i.“

Immer heftiger schlägt der Wind die Fenster gegen die Rahmen, aber wenn es hier auch poltert wie in einem Spukschloß, schauderhafter ist dies: die Lieblosigkeit des Vaters, seine latente Aggressivität, dieser Mängel an Respekt vor der Tochter.

Ihm selber habe sein Leben gefallen, sagt der Vater. Er hat während seines Chemiestudiums, das er nach acht Semestern abgebrochen hat, als Zauberkünstler gearbeitet, dann als Vorhangzieher bei einer Revue, dann als technischer Leiter eines Theaters... Als er vor drei Jahren pensioniert wurde, war er Direktor eines Spitals für Unheilbare. Drei Herzinfarkte habe er überlebt, einen davon auf seinem Boot auf dem Neusiedler See. Er habe seinen Kopf noch einmal über den Bootsrand gereckt, als er das Ende kommen fühlte, ein letzter Abschiedsblick auf die Welt, und dann, um fröhlich zu sterben, den Rest einer Whiskyflasche geleert. „Darin war i besoffen, aber am Leben. Der Alkohol reißt sofort die Gefäße auf.“ Er sagt: „I gieb ja net auf.“

Die Tochter schaut dem Vater beim Reden zu. Sie hört nicht, sie schaut. Mit Augen, die nicht mehr wegschauen können, obwohl es Augen sind, die schweigen. Über etwas Dunkles, kaum auszusprechen.

Schon mit fünfzehn Jahren war Alexandra Wehner, Großnichte des verstorbenen SPD-Politikers und in der Welt der Boulevardpresse bekannt als Bluat-Xandi, Reporterin bei Österreichs bisher größtem Revolverblatt, der Kronenzeitung. Es war ihr gelungen, Hans Dichand, einen der Wiener Zeitungszaren, von sich zu überzeugen. Sie rief ihn in seiner Klosterneuburger Villa an und weinte ihm was vor: „I muaß unbedingt a Reporterin wern.“ Von einer blutigen Sensationsmeldung zur nächsten, von einer Leiche zur anderen, begann sie eine Schnitzeljagd nach Liebe, im Kopf das Bild des Vaters: das Fahndungsphoto. Während sie das Lied vom Tod spielte, sollten sich die Täter in Liebhaber verwandeln. Als würde der Tag kommen, da alle Mörder gefangen und alle Opfer getötet sind. Sie hat eine Vorliebe für Märchen.