Ich war ein zehnjähriger Junge, als ich zum erstenmal las, wie Columbus von Guanahani .rechtskräftig’ Besitz ergriff. Ich entsinne mich, daß mich der Ausdruck ,rechtskräftig‘ so in Erstaunen setzte, daß ich tagelang darüber grübelte." Dem Staunen des kleinen Jakob Wassermann verdanken wir eine faszinierende Biographie des Christoph Columbus. Er konnte sie allerdings erst 1929 schreiben, nachdem ihm Cervantes’ Don Quijote den Don Cristobal erschloß. Vorher war es ihm, als sei der Seefahrer "bloß eine Erfindung der Historiographen, symbolischer Entdeckerheros, eine zu Verklärungszwecken unternommene Zusammensetzung von Eigenschaften".

Wie aber bringt man den nautischen Finstermann ins Jugendbuch, ohne im Widewidewittbumbum zu enden? Soll man ein Segelgenie auf die Reise schicken und ihm dann am Zeuge flicken, bis es nackt im Winde steht? Es geht nicht um peinliche Einhaltung der Exerzitien kritischer Geschichtsschreibung, aber aus der schrecklichen Begegnung zweier Kulturen darf keine transatlantische Kirmes werden.

Eigentlich sollte der naiven Begeisterung für den Genuesen von vornherein der Wind aus den Segeln genommen sein: Sein furioser Entfernungsirrtum fixiert ihn so aufs goldene Indien, daß er die Neue Welt gar nicht wahrhaben will. Amerika: eine Kontinentalsperre der Verheißung. Ein Entdecker? Ja, er entdeckt den eigenen Irrtum und beharrt zeitlebens darauf.

Karl Rolf Seufert hat versucht, aus der Mixtur Kolumbus eine Gestalt zu formen. Biographische Romane hat er bereits über Heinrich Schliemann geschrieben, über Albert Schweitzer, Marie Curie und Mahatma Gandhi. Gestalten mit einem Sympathievorschuß, der bei seinem Kolumbus zum erzählerischen Hindernis wird. Und so bleibt der Seefahrer eine undeutliche Person, solange das Bild vom guten und fleißigen Entdecker seine Erzählung grundiert.

Ein Beispiel: Audienz beim portugiesischen König. Der Redeschwall des Genuesen vermag den sachkundigen Johann nicht zu überzeugen, und dessen Junta dos Mathematico erteilt die Absage: kein Geld, keine Schiffe. Seufert schildert hier halbherzig, ohne rechten Zugriff auf das, was den Seefahrer antreibt. Doch wo seine anschauliche Erzählung ins Leere zu laufen droht, sticht doch ein Trumpf seines Buches: das Zitat historischer Quellen. Das Konterfei der fanatischen Verstiegenheit erscheint wenigstens im Kursivdruck: "Der König sah, daß dieser Christoval Colom ein Schwätzer war ... voll von eingebildeten Dingen über eine Insel Cipango." Ein Gewinn für das Buch sind auch Seuferts gelegentliche Hinweise auf offene Fragen, denn noch die Ahnung des Ungeklärten ist ein Appell an die Vorstellungskraft.

"Das Volk an Land stand stumm und zag." Die Wilden werden eingeteilt: Die einen freuen sich über kleine Glöckchen, die anderen greifen an oder fressen kleine Kinder. Passagenweise bleibt auch Seufert an diesem Klischee kleben, erkennt aber trotz alledem in Kolumbus den ersten Sklavenhändler: "Mir genügen fünfzig Mann, um sie bei Gehorsam zu halten und um sie alles tun zu lassen, was man von ihnen haben will." Ein folgenschwerer Irrtum.

Cristobal Colón segelt zurück nach Spanien: Schöne Isabella von Kastilien, ich bring’ Dir viele schöne Utensilien! Triumphzug durch Barcelona, die Majestäten erheben sich: "Don Cristobal!" Feierlich beginnt die zweite Reise, Cádiz, September 1493: Don Cristobal, "rundwulstig ausgestopft, das modische Beinkleid aus rotem Atlas, geschlitzt, gepufft und durchbrochen", segelt für Spanien. – Er segelt in ein Kriegsgebiet.