Von Volker Ullrich

Im Februar 1888, noch zur Zeit des Sozialistengesetzes, feierten 400 Berliner Kupferschmiede das erste Stiftungsfest ihres Verbandes. Auf dem "mit schneeweißen Linnen gedeckten Tisch" lagen die "alten Gewerks-Utensilien", darüber aufgespannt die alte Gewerkschaftsfahne. Es gab ein Festmahl, humoristische Darbietungen und natürlich viele Reden. Am Ende brachte der Vorsitzende ein "Hoch auf Se. Majestät, unsern greisen Heldenkaiser Wilhelm I." aus. "Sodann intonierte die Musikkapelle die Nationalhymne, die sämtliche Anwesende stehend mitsangen."

Im Juli 1911 feierten die Düsseldorfer Gewerkschaften ihr jährliches Fest. Vierzehn "Festsäulen", jeweils angeführt von einer Musikkapelle, gefolgt von den Zahlstellen der einzelnen Gewerkschaften, bewegten sich zu einem Festzelt, das Platz für 30 000 Menschen bot. Arbeiterturner ließen ihre Muskeln spielen, Arbeitersänger strapazierten ihre Stimmbänder, Arbeiterradfahrer zeigten Kunststücke. Die Veranstaltung schloß mit einem "großen Monstre-Feuerwerk". Ein Hoch auf den Kaiser, gar auf Wilhelm II., wäre es in diesem Ambiente ganz und gar undenkbar gewesen?

Zwischen dem Fest der Berliner Kupferschmiede und dem der Düsseldorfer Gewerkschaften lag ein Vierteljahrhundert – eine Zeitspanne, in der das deutsche Kaiserreich zur führenden Industrienation auf dem Kontinent aufgestiegen war, Gewerkschaften und Sozialdemokratie sich zur Massenbewegung formiert hatten. Über die rasante Entwicklung der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung vor 1914, ihre Ideologie und Praxis, ihre Macht und Ohnmacht, ist viel geschrieben worden; weit weniger wußten wir lange Zeit über jene, die das imposante Organisationsgebäude aufgebaut hatten: die Arbeiter.

Erst die alltagsgeschichtlich inspirierten Forschungen zur Arbeiterkultur in den achtziger Jahren haben hier einen Wandel bewirkt: kein Winkel der Arbeiterexistenz, kaum eine Nische des proletarischen Milieus, in die nicht hineingeleuchtet worden wäre. Das unbekannte Fabelwesen, hinter dem manche (der Rezensent eingeschlossen) einst das sagenumwobene revolutionäre Subjekt vermutet hatten, nahm plötzlich überraschend deutliche Gestalt an.

Eine Synthese dieser gelegentlich ausufernden Detailstudien, dazu eine Bilanz ihrer eigenen jahrzehntelangen Forschungen bieten jetzt Gerhard A. Ritter und Klaus Tenfelde in einer fast 900 Seiten starken Untersuchung: "Arbeiter im Deutschen Kaiserreich". Es handelt sich um den fünften Band der "Geschichte der Arbeiter und der Arbeiterbewegung in Deutschland seit dem Ende des 18. Jahrhunderts" – ein Projekt, das, ursprünglich als Gegenstück zur DDR-Geschichtsschreibung konzipiert, sich inzwischen zu einem Mammutunternehmen ausgewachsen hat. Drei weitere, vermutlich ähnlich umfangreiche Bände derselben Verfasser zur Arbeiterbewegung im Kaiserreich sind in Vorbereitung – "Erscheinungsdatum ungewiß". Man tut wohl gut daran, wenn man sich damit bis nach der Jahrtausendwende geduldet.

Es hätten sich wohl kaum zwei kompetentere Bearbeiter finden lassen als diese beiden Historiker: Ritter, Ordinarius in München, hat sich schon in den fünfziger Jahren, als einer der ersten in der Bundesrepublik überhaupt, der Geschichte der Arbeiterbewegung im wilhelminischen Reich zugewandt und ist seitdem immer wieder darauf zurückgekommen. Tenfelde, seit 1990 Professor für Geschichte in Bielefeld, hat eine bergmännische Lehre absolviert, bevor er über den zweiten Bildungsweg in die akademische Karriere startete. Wenn er, ein ungemein produktiver Sozialhistoriker, über Arbeiter und Arbeitsverhältnisse schreibt, spürt man, daß ihm dieses Milieu nicht ganz fremd ist. Beide Autoren ergänzen sich also vorzüglich. Man muß schon sehr genau hinsehen, um zu erkennen, wer von beiden für welche Abschnitte verantwortlich ist. Überschneidungen sind selten; das Werk wirkt wie aus einem Guß.