Von Thomas von Randow

Eine große runde weiße Marmorscheibe, aus der ein Segment herausgebrochen ist, eine Kugel und ein Dodekaeder aus Bronze hat der Bildhauer Klaus Horstmann-Czech zu einer Skulptur komponiert. Sie soll symbolisieren, was hinter der Fassade geschieht, die dieses Kunstwerk ziert: In diesem Gebäude wird zu Papier gebracht, was kluge Menschen aus allen Ländern der Erde erdacht haben, um die Grenzen des Denkmöglichen auszuloten und die Welt als Ganzes begreifen zu können. Aber dieses Bemühen, so suggeriert es die gebrochene Geometrie vor dem Eingang, wird immer unvollkommen bleiben. Allein schon deshalb wird es ihn wohl noch lange geben, den hier residierenden Springer Verlag (mit Axels Konzern weder verwandt noch verschwägert), der in diesen Tagen sein 150jähriges Bestehen feiert.

Ins Leben gerufen hat ihn der Berliner Buchhändler Julius Springer, ein linksliberal denkender 25jähriger. Freilich stand ihm der Sinn mehr nach politischem Kampf, insbesondere gegen die preußische Zensur, als nach der Verbreitung medizinischer, naturwissenschaftlicher und technischer Literatur, die heute das immer noch in Privatbesitz befindliche Unternehmen auszeichnet – übrigens eines der größten der Welt.

Jeder, der sich mit einer Wissenschaft befaßt, ob als Student oder Professor, Lehrer oder auch nur Neugieriger, dürfte mindestens einmal eine Springer-Zeitschrift oder ein Springer-Buch zur Hand genommen haben. Etwa 17 000 Titel hält der Verlag lieferbar, und jedes Jahr kommen rund 1700 hinzu. Wer ein Buch aus diesem Verlag vollständig bibliographieren will, braucht dafür besonders viel Platz, selbst wenn er nur die wichtigsten Verlagsorte nennt, nämlich: Berlin, Heidelberg, New York, London, Paris, Tokio, Hongkong, Barcelona, Budapest und Wien.

Niemanden erstaunt es, daß ein solches Unternehmen in einem Jubiläumsjahr seine Geschichte als Buch veröffentlicht. Doch was allzuoft eine kostbar gebundene, hymnisch-langweilige Aufzählung von Personalia und Daten ist, geriet bei Springer zu einer fesselnden Lektüre. Hier werden nicht, was nahegelegen hätte, die vielen Nobelpreisträger und andere berühmte Gelehrte unter den Springer-Autoren – darunter August Bier, Max Born, Albert Einstein, Karl v. Frisch, Ernst v. Harnack, David Hilbert, Karl Jaspers, Lise Meitner, Ferdinand Sauerbruch, Werner Siemens – besonders herausgestellt; hier herrscht historische Redlichkeit, und die macht auch nicht halt vor einigen Sündenfällen während der Nazizeit, die in anderen Verlagsgeschichten zumeist beflissen verschwiegen werden.

Dabei hat Springer auffallend wenige Konzessionen an die braunen Zensoren gemacht, im Gegenteil: Obwohl Großvater Julius und seine Frau Marianne Friedlaender als (christlich getaufte) Juden und darum ihre Enkel – die Verlagsinhaber in den dreißiger Jahren – als Nichtarier gebrandmarkt waren und den Verlag verlassen mußten, verlegte Springer bis in die letzten Kriegsjahre Bücher und Zeitschriftenartikel von „unliebsamen“ Wissenschaftlern, Gelehrten, die aus Deutschland hatten emigrieren müssen. Dieser Teil der vorliegenden Verlagsgeschichte liest sich spannend. Er zeigt, wie sich mit Mut und List die Unterdrückungsmaschinerie der Diktatur unterlaufen ließ. Noch Anfang 1945 zum Beispiel kaufte ich in einer Berliner Buchhandlung den zweiten Band der „Methoden der mathematischen Physik“ des emigrierten Juden Richard Courant und des verfemten David Hilbert; Springer hatte die erste, 1937 bei ihm erschienene und vergriffene Auflage schlicht nachgedruckt.

Den zweiten Band der bewegten Verlagsgeschichte wird der geschäftsführende Gesellschafter des Hauses, Heinz Götze, schreiben. Ihm, dem großen Wissenschaftspromoter, hat die Creme der internationalen Mathematikerzunft ein bemerkenswertes Buch gewidmet, „Miscellanea mathematica“. Miszellen (vermischte Kurzbeiträge) sind die Artikel zu dem liebevoll gestalteten Band in der Tat. Da gibt es Erinnerungen an die Studentenzeit in Göttingen, als es noch Mekka der Mathematiker und Physiker war, neben Abhandlungen über eher esoterische Gebiete wie Surface Theory. Das Gros dieser Mixtur ist ohne spezielle mathematische Vorkenntnisse lesbar und gewinnbringend, zum Beispiel der Beitrag von Friedrich L. Bauer „Sternpolygone und Hyperwürfel“.