Von Fritz Fischer

Das neue Buch des Erlanger Historikers Gregor Schoellgen, das mit Sorgfalt Stationen preußischer und deutscher Außenpolitik der letzten 250 Jahre nachzeichnet, liefert dem Leser zugleich ein Raster von Analysen und ordnenden Durchblicken, das die Vielfalt der Fakten zu überschauen und zu verstehen ermöglichen soll. Dennoch bedeutet dieses Buch einen Rückfall der Geschichtsschreibung in die überholt geglaubte Doktrin der „Geopolitik“. Das läßt schon der Titel erkennen, der die geographische Lage Preußen-Deutschlands beziehungsweise der Bundesrepublik in Europa zum Fundament des Verständnisses der deutschen Außenpolitik im 19. und 20. Jahrhundert macht.

Das erste Kapitel, „Aufstiege“ überschrieben, beginnt mit der kühnen These, daß der Raub Schlesiens 1740 durch Friedrich II. von Preußen verstanden werden dürfe als „Sicherheit durch Expansion“. Immerhin hatte dieser Raubkrieg zwei weitere Kriege im Gefolge (darunter den „Siebenjährigen“), weil der Beraubte den Raub nicht anerkennen wollte. Schoellgen betont, daß mit diesem „Gewaltakt“ der eigentliche Grundstein für die Bildung einer preußischen Großmacht in der Mitte Europas gelegt wurde, eines Landes, „das aus der Sicht seiner Bewohner häufig gefährdet, aus der Sicht seiner Nachbarn zumeist gefährlich war“. Aus dieser Lage leitet er ein „ungewöhnlich stark ausgeprägtes Bedürfnis der zentraleuropäischen Kontinentalmacht nach äußerer Sicherheit“ ab, aber auch die „stets präsente Forderung nach einer gleichberechtigten Stellung Preußens, Deutschlands und schließlich der Bundesrepublik im Kreis der Mächte“.

Nun ist die Erscheinung Friedrichs des Großen freilich nur ein Vorspiel, von dem aus ein großer Schritt von über hundert Jahren bis zu Bismarck getan wird. Weder die Kriege Preußens im Bündnis mit Österreich, Rußland und England gegen Napoleon noch der Wiener Kongreß von 1814/15, weder die langen Jahre des Friedens in der Zeit des Deutschen Bundes von 1815 bis 1866 noch die Entscheidung von Königgrätz sind dem Verfasser der Erwähnung wert. Erst mit Bismarck als Reichskanzler des neuen kleindeutschen Reichs setzt er wieder an: Wieder war es die geographische Lage, die Zahl der Nachbarn und deren Stärke, welche laut Schöllgen die Suche nach geeigneten Partnern forderten und förderten. So kam es zu dem engen, am Ende dem allein sicheren Bündnis mit der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn, was freilich das Deutsche Reich auch sehr nahe an deren Dauerkonflikt mit Rußland heranführte.

Unter dem Stichwort „Abwege“ wird der Nachweis erbracht, daß es Bismarck selber war, der die preußisch-deutsche Politik in seinen letzten Jahren in den Orient geführt hat mit dem Beginn des Baus der anatolischen und der Bagdadbahn.

Unter dem Titel „Ambitionen“ behandelt das zweite Kapitel des Buches die Entwicklungen, die zum Kriegsausbruch von 1914 führten. Die deutsche „Weltpolitik“ war, wie aufgezeigt wird, eine bewußte Herausforderung der Welt- und Seemacht Großbritannien, die man beerben wollte, um selbst Weltmacht zu sein. Darüber urteilt Schoellgen: „Was diesem Denken fehlte, waren Maß und Mäßigung.“ – In seinen Betrachtungen spielen weder die führenden Persönlichkeiten – nach Bismarck waren das vor allem Wilhelm II. und Adolf Hitler – noch die tragenden Eliten, noch auch die zahlreichen Faktoren, Institutionen, Traditionen, Mentalitäten und ökonomische Interessen, die Rolle, die ihnen zukommt.

Schoellgen sieht die Situation wiederum hauptsächlich bestimmt durch zwei Kategorien: durch „ein extremes Sicherheitsbedürfnis einerseits und durch die Forderung nach weltpolitischer Gleichberechtigung andererseits“. Mit der Beschränkung auf diese beiden Aspekte polemisiert Schoellgen zugleich gegen meine Interpretation der deutschen Außenpolitik unter Wilhelm II., wenn er sagt: „Dennoch war es wohl kaum, jedenfalls nicht in erster Linie, der spezifische, die Nachbarn zusehends aggressiver anmutende Kurs der deutschen Außenpolitik, der das europäische Gleichgewicht fundamental erschütterte.“ Was denn anderes hat das europäische Gleichgewicht mehr erschüttert als der deutsche Flottenbau, der 1898 unternommen wurde, ohne daß Deutschland von irgendeiner Macht bedroht war? Und der zu maritimer Gegenrüstung und zu gegnerischen Bündnissen führte (Entente cordiale 1904, englisch-russischer Ausgleich 1907, zur französischrussischen Allianz von 1894 hinzu). In den führenden politischen Zirkeln Deutschlands war damals viel die Rede vom „Brechen“ der englischen Vorherrschaft, was ohne Zweifel mehr war als das Streben nach Gleichberechtigung. Und ebendiesem Ziel diente der Flottenbau. Über den Kaiser selbst sagte der ihm persönlich nahestehende Reichskanzler Bethmann Hollweg: Seine Politik sei keine „schwankende“; „seine einzige und Grundidee“ sei vielmehr, „Englands Weltstellung zu brechen; dazu bedarf es der Flotte, um diese zu haben, vielen Geldes, und da nur ein reiches Land dies geben kann, soll Deutschland reich werden; daher die Bevorzugung der Industrie...“