Wenn er auf dem Nordbalkon seiner Wohnung steht, schaut Oscar Hijuelos ins Herz von Harlem. Wenn er aus dem Südfenster blickt, liegt Manhattan vor ihm. Keine schlechte Perspektive für einen Erzähler, der 1951 in New York als Sohn kubanischer Immigranten geboren wurde und an der 118. Straße, zwischen Harlem und der Columbia-Universität, aufwuchs.

Dieses Stückchen Manhattan ist die Welt seiner Bücher. Der Roman „Die Mambo Kings spielen Songs der Liebe“ ist dort ebenso angesiedelt wie Hijuelos’ autobiographisch gefärbter Erstling „Unser Haus in der letzten Welt“ (1983), der jetzt auf deutsch erschienen ist.

Alejo und Mercedes Santinio kommen Anfang der vierziger Jahre aus der Provinz oriente nach New York. In chronologischer Ordnung blättert der Roman ein Familienalbum auf: Schnappschüsse des Vaters, der nie über den Job als Hilfskoch hinauskommt, während nach ihm eintreffende Verwandte sich rasch in die middle class emporarbeiten, weil sie „nicht zuließen, daß die Alte Welt, die Vergangenheit, ihnen im Wege stand“. Alejo weiß die Seinen durchzubringen und sich zu amüsieren, doch heimisch wird er in der Neuen Welt nicht. „Ich bin der Mann, und ich werde tun, was ich will!“ sagt er zu seiner Frau, wenn er nicht nach Hause kommt und die Nächte durchzecht.

Mercedes muß man sich auf den Familienphotos als einen Schatten vorstellen. Sie lernt nur mühsam Englisch, weil sie weiter in der Traumwelt des alten Kuba lebt, im weißen Haus des Vaters, eines Holzhändlers, der die Poesie liebte und Gedichte schrieb. Ihren beiden Söhnen wird sie dadurch ebenso fremd wie der Vater, dessen sentimentale Liebe unerwiderbar ist. Während Horacio, der ältere, seinen Weg macht, bleibt Hector ein dicklicher Junge ohne Freunde, der nicht weiß, wohin er gehört. Die lebensgefährliche Krankheit, die er sich zuzieht und die ihn isoliert, dient dabei freilich ein wenig zu offenkundig als Metapher für den schmerzlichen Prozeß der Amerikanisierung.

Hijuelos’ Roman bewegt sich ohne rechten Glanz im Subgenre der ethnischen Autobiographie, die von einem uramerikanischen Mythos zehrt: Wie einer zum Amerikaner wird, indem er im melting pot aufgeht, das wird aus der Sicht des glücklich Assimilierten erzählt.

„Ich fühle mich magnetisch in die Vergangenheit gezogen“, sagt Hector, des Autors Alter ego, am Ende, „ich will sie für immer im Haus haben, doch sie verblaßt.“ Sie erzählerisch aufzufrischen ist Hijuelos – ganz anders als in den „Mambo Kings“ – nicht recht gelungen. Immer wieder entstehen zwar vor Hectors Augen Bilder des sonnigen Kuba, und er glaubt, den nussigen Geschmack der Milch auf der Zunge zu spüren, mit der ihn seine Tante verwöhnte. Doch als er sie Jahre später nach dem Geheimnis des Getränks fragt, lacht sie nur: „Ai, bobo. Es war Hershey-Sirup mit Milch.“ Peter Körte

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