Vor die Neue Musik hat der liebe Gott die Umbaupause gesetzt“, heißt ein geflügeltes Wort in der Szene. Denn zunächst wird geschoben, gerückt und getragen, und die Zuhörer müssen oft lange warten, bis die zeitgenössische Musik auf dem Podium in Gang kommt. Fast jedes Stück hat eine andere Orchesterbesetzung – und so dauert es, bis die Notenpulte und die Stühle stehen.

Aber es kommt noch schlimmer. Vor die neue Musik hat der liebe Gott zwar die Umbaupause, aber vor die Umbaupause das Geld gesetzt. Ganz banal und ganz profan: Erst müssen die Notenpulte und die Partituren gekauft, dann kann gerückt und erst danach kann musiziert werden. Für ein institutionell gesichertes Orchester ist das kein Problem. Das Geld fließt, mal mehr und mal mäßig, aber regelmäßig. Auf die Qualität kommt es eines Tages nicht mehr an; denn der Etat steht im Haushalt – die Kommune, das Land oder die Rundfunkanstalt zahlen (fast) automatisch. Mancher Musiker macht ausführlich Gebrauch von der Rückenlehne seines Stuhles.

Vielleicht ist das der Grund, warum das in Frankfurt am Main angesiedelte Ensemble Modern nach zwölfjährigem Bestehen noch so jung und beweglich, so engagiert und professionell wirkt: Achtzig Prozent ihres Etats verdienen die Künstler durch ihre Gagen, nur zwanzig Prozent bekommen sie durch direkte oder indirekte Subventionen. Und trotzdem funktioniert die Arbeit. Die gut zwei Dutzend solistischen Experten für Neue Musik haben nicht nur künstlerische Erfolge im In- und Ausland, sie vergeben nicht nur Aufträge an Komponisten und bekommen ständig neue Stücke gewidmet; sie spielen auch bei allen einschlägigen Festivals in Donaueschingen, Graz oder Brüssel ebenso wie in den heiligen Hallen der E-Musik, in der Berliner Philharmonie, der Alten Oper in Frankfurt und bei den Festspielen in Salzburg. Die Mitglieder des Ensembles Modern sind nicht nur erstklassige Musiker, sondern auch Überlebenskünstler.

Zusammen mit der Jungen Deutschen Philharmonie und der Deutschen Kammerphilharmonie, mit denen sie unter dem rechtlich-organisatorischen Dach der Deutschen Ensemble-Akademie vereint sind, haben sie gerade ihr neues Haus gleich neben dem Frankfurter Ostbahnhof eröffnet.

Sie haben dort ideale Arbeitsbedingungen. Dies haben die Musiker der Stadt Frankfurt am Main zu verdanken, denn die zahlt nicht nur die Miete, sondern auch die Nebenkosten. Jubel, Trubel – so weit, so gut. Und trotzdem war die Stimmung in den vergangenen Wochen und Monaten, wie man hört, katastrophal. Denn nicht nur der künstlerische Erfolg ist stetig gewachsen, sondern auch das finanzielle Defizit der Akademie.

Eine paradoxe Situation: Da bekommen die Musiker des Ensembles Modern, der Deutschen Kammerphilharmonie und der Jungen Deutschen Philharmonie ein neues, von der Stadt bezahltes Domizil – gleichzeitig aber ist ihre Existenz bedroht. Reichlich spät, aber trotzdem als Retter in der Not, hilft jetzt Hessen. Vom nächsten Jahr an wird sich das Land an der Finanzierung der Deutschen Ensemble-Akademie beteiligen. „Große Teile des Unternehmens stehen jetzt auf festen Füßen“, hat denn auch die Frankfurter Kulturdezernentin Linda Reisch bei der Eröffnung des neuen Hauses teils zufrieden, teils sorgenvoll erklärt. Die „großen Teile“ sind das Ensemble Modern und die Junge Deutsche Philharmonie; ihre Zukunft ist fürs erste gesichert.

Die der Deutschen Kammerphilharmonie aber nicht. Denn die Deutsche Bank als Hauptsponsor wird sich zurückziehen. Drei Jahre lang, hatten die Banker 1987 gesagt, würden sie die Kammerphilharmoniker anschieben helfen. Sechs Jahre haben sie geschoben, und jetzt reicht es ihnen. Auch hier eine paradoxe Situation: Die Zukunft derjenigen Musiker, die am heftigsten nach einer institutionellen Basis verlangt hatten, ist nun am unsichersten. Und sie haben in den vergangenen Jahren versäumt, sich in Frankfurt, Hessen und anderswo in der Bundesrepublik unentbehrlich zu machen.

Fürs Ansehen zu Hause reicht es nun einmal nicht, Stars wie Gidon Kremer oder Heinrich Schiff auf ihren Tourneen zu begleiten, auf die Zugkraft allein dieser Namen zu setzen und dann noch Beethovens „Große Fuge“ wuchtig und trotzig zu spielen. Das allein hat die Frankfurter oder hessischen Politiker nicht überzeugt. Die Musiker der Kammerphilharmonie müssen sich beeilen und zeigen, daß sie genauso selbstverständlich nach Frankfurt gehören wie das Ensemble Modern – oder der Apfelwein. ERo