Hessen 3, Samstag, 11. April, 17.30 Uhr; Nord 3, Donnerstag, 30. April, 23.20 Uhr: „Vom Schwinden der Sinne“

Das Ungefähre im Spiel der Kinder: Schlenkerpuppen, deren Beine und Arme nicht dem Ganzen gehorchen, Menschen, ihres Körpers nicht mächtig, denen es nicht gelingt, ein längeres Stück rückwärts zu laufen, die die Konzentration nicht aufbringen, die dazu nötig wäre, und nicht die Vorstellung des Weges, der unsichtbar hinter ihnen liegt. Soll man sie bedauern oder vor ihnen erschrecken? Es handelt sich nicht um die sogenannten Behinderten, es handelt sich um eine allgemeine Behinderung, die schon die Hälfte einer ganz normalen Hamburger Grundschulklasse erfaßt hat. Im „psychomotorischen Turnen“ versucht man, ihnen ein Körpergefühl zu geben, ohne das sie kaum schreiben und rechnen lernen können.

Ein Montagmorgen in der Schule, und die zehn wichtigsten Filme des Wochenendes geistern durch die Klasse. Da fliegen die Arme, und die Köpfe zucken: Kinder unter Strom. Den Montag könne sie abschreiben, sagt eine Lehrerin, der man zutraut, eine gute Lehrerin zu sein. Grundschulkinder, die den ganzen Tag fernsehen, sind keine Ausnahme mehr. Kleine Wohnungen, lärmempfindliche Eltern oder Nachbarn, gefährliche Wege zum nächsten Spielplatz. Und überhaupt – was soll man da? Um die Jahrhundertwende kannten Kinder an die hundert Spiele, die sich zudem ohne technische Hilfsmittel spielen ließen. Heute kennen sie noch fünf, im Durchschnitt.

Das Ungefähre im Spiel der Kinder, das unkonzentrierte Spiel, das nicht zu Ende gebracht wird, das zerfasert, kaum daß es begonnen hat. Die Kinder auf dem Weg zum Spielplatz, umbrandet vom Verkehr, nervös und verstört; wenn sie angekommen sind, haben sie schon vergessen, was sie da eigentlich wollten.

Steif und schlaff seien diese Kinder, sagt eine Schulärztin. Aus dem Gleichgewicht sind ihre Sinne, unterentwickelt das Körpergefühl, Gesichts- und Gehörsinn überfordert. Eckiges Balancieren, als hätten sie keinen Schwerpunkt und hingen an Fäden. In Zwischenschnitten sehen wir High-Tech-Hampelmänner. Kinder funktionieren in einem Wochenplan, den ehrgeizige Eltern für sie aufgestellt haben. Werden sie „selbständig“, sind sie schon auf Prothesen angewiesen – dreißig Prozent der Zwölf- bis Fünfzehnjährigen nehmen regelmäßig Medikamente. „Es rieseln die mentalen Blätter“, heißt es im Kommentar, die Leistungsfähigkeit der Gesellschaft sei ernstlich gefährdet. Gefährdet nicht nur durch „Kinder, denen die ursprüngliche Synthese der Kulturaneignung nicht mehr gelingt“, sondern auch durch solche, die ihre produktive Haltung zur perfekten Welt schon gefunden haben: in der Zerstörung.

Der Film von Reinhard Kahl ist so unpathetisch wie eindrucksvoll, er zeigt einen Zustand der Auflösung, von dem wir gern zum Ozonloch aufblicken, weil er uns entsetzlich nahe ist. Der Film beschreibt die menschliche Fähigkeit des Rückwärtsgehens als ein essentielles und bedrohtes Stück Natur. Als Imagination dessen, was hinter uns liegt, als bewußte Bewegung gegen den Vorwärtstrieb, als die Fähigkeit, eine Sackgasse zu verlassen. Wir sehen, wie häßlich Menschen sind, denen Konzentration und Selbstbeherrschung abgehen. Und wir sehen die Anmut derer, die ein Ganzes sind und ihrer Sinne mächtig. Martin Ahrends