Dem Versicherungsriesen Allianz ist nur schwer eine Einflußnahme auf die Dresdner Bank nachzuweisen

Von Hans Otto Eglau

Gleichgültig ob Wolfgang Kartte nur seine etwas verzagte Truppe neu motivieren oder sich mit einem spektakulären Coup verabschieden wollte: Mit seinem Versuch, die deutsche Versicherungsgroßmacht Allianz bei der Dresdner Bank in die Schranken zu weisen, wagte der Kartellamts-Präsident drei Monate vor seinem Wechsel in den Ruhestand auf jeden Fall ein äußerst riskantes Spiel.

Denn zu gewinnen gibt es für die Berliner in dieser Auseinandersetzung wenig: Im äußersten Fall müssen die Allianz-Manager ihre Beteiligung an Deutschlands zweitgrößtem Geldkonzern von derzeit 22,31 Prozent geringfügig auf 19,1 Prozent zurücknehmen. Finden ihre Argumente dagegen kein Gehör vor dem Berliner Kammergericht, braucht das durch die Verlagerung der Zuständigkeit für Großfusionen nach Brüssel ohnehin geschwächte Amt für den Spott nicht zu sorgen. Klaus-Peter Schultz, Leiter der zuständigen 10. Beschlußabteilung, schätzt die Erfolgsaussichten seiner Behörde denn auch nicht gerade euphorisch ein: „Wir sind uns darüber im klaren, daß wir den neuen Zusammenschlußtatbestand bis an die äußerste Grenze ausloten.“

Neu ist für die Fusionskontrolleure dank der Anfang 1990 in Kraft getretenen Kartellgesetznovelle, daß sie auch unterhalb der bis dahin geltenden Beteiligungsmarke von 25 Prozent einen Zusammenschluß untersagen können. Diese Nachbesserung war notwendig geworden, nachdem sich immer mehr Firmenaufkäufer dem Zugriff der Wettbewerbshüter dadurch entzogen hatten, daß sie haarscharf unterhalb der magischen Grenze blieben. Aktiv werden können die Kartte-Beamten bei weniger als 25 Prozent immer dann, wenn „ein oder mehrere Unternehmen unmittelbar oder mittelbar einen wettbewerblich erheblichen Einfluß auf ein anderes Unternehmen ausüben können“.

Mit seinem vergangene Woche durch ein Abmahnschreiben angekündigten Verfahren erprobt das Amt sein neues Instrumentarium gleich an einem besonders eklatanten Fall von Machtzusammenballung. Die Allianz-Gruppe, Europas größter und über zahlreiche Industriebeteiligungen sicherlich auch einflußreichster Versicherungskonzern, hatte bis Ende 1989 ein Paket von 19,1 Prozent Dresdner-Bank-Aktien zusammengekauft – wie es hieß, als Unterpfand einer engen Vertriebskooperation zwischen beiden Häusern im Lebensversicherungsgeschäft. Umgekehrt hält die Dresdner an der Allianz Holding AG zehn Prozent. Hätte sich der mittlerweile an die Spitze des Aufsichtsrates gewechselte Allianz-Chef Wolfgang Schieren mit seinen 19,1 Prozent zufriedengegeben, wären die Berliner heute machtlos. Aus welchen Gründen auch immer stockte er jedoch nach Inkrafttreten der Kartellnovelle sein Paket auf rund 24 Prozent auf und kam damit nahe an die Sperrminorität heran. Die Allianz-Manager reduzierten wenig später ihre Beteiligung auf den heutigen Stand von 22,31 Prozent.

Aber nicht nur das offenkundige Ziel der Münchner, ihren direkten Einfluß auf die Dresdner zu verstärken, weckte den Argwohn der Kartellwächter. Stutzig machte sie überdies das Auftreten weiterer Besitzer kleinerer Dresdner-Päckchen, die sie überwiegend dem Interessenbereich der Allianz-Gruppe zuordnen. Auf ihr Konto buchen sie nicht nur die 2,9 Prozent, die bei der Allianz-„Schwester“ Münchner Rück liegen. Beide Versicherer sind wechselseitig mit 25 Prozent aneinander beteiligt. Erheblich mehr, nämlich glatt zehn Prozent, vertritt die Frankfurter Gesellschaft für Finanzwerte (FGF). In diese sogenannte „Schachtel-Holding“ haben führende Versicherungs- und Industriekonzerne Mini-Anteile der Dresdner von einem Prozent eingebracht.