Mitten im Buch bleibt eine Seite weiß und leer: Eine Reminiszenz an die Zensur in Südafrika. Selwyn, der fünfzehnjährige Held in „Keine Tiger in Afrika“, erinnert sich an ein Buch, in dem einmal vierzig Seiten weiß leuchteten. Was dort nicht stehen sollte, durfte jeder sich denken.

Norman Silver, 1946 im südafrikanischen Kapstadt geboren, Philosophiedozent, der 1969 nach England übersiedelte, hat einen herausragenden Debütroman geschrieben. Vielleicht eher ein Tagebuch, denn Selly, dessen Eltern Johannesburg verlassen, um in England von vorne zu beginnen, notiert Gefühle, Eindrücke, Träume und Erinnerungen zu einem nur 136 Seiten dünnen, aber gewaltigen Buch.

Es beginnt in England, genauer in Bristol, im August, und Autor Silver mag sich an seine eigene kühle Ankunft erinnert haben, wenn Selly bemerkt: „Aber die Sonne steht wie eine schäbige Kupfermünze am Himmel – sie strahlt keine Hitze aus.“

Keiner kommt mit dem neuen Leben zurecht, am wenigsten Selly. Dagegen war in Südafrika die Welt noch in Ordnung. Selly hatte Freunde und strahlte als Star der Rugby-Mannschaft. Er zählte zu den sorglosen und privilegierten Weißen, während die Schwarzen ... nun ja, ein bißchen dumm waren sie eben doch. Selly ist, so versichert er glaubwürdig, kein Rassist, doch hier in Bristol herrscht „das absolute Durcheinander“, und er empfindet es einfach als widerlich, wenn ein schwarzer Junge mit einem hübschen weißen Mädchen im Schulhof knutscht.

Dem Chaos seiner ungewohnten Umgebung trotzend, flüchtet er sich in Erinnerungen. Doch auch da bedroht ihn etwas Vages, und doch ganz Bestimmtes, entsetzlich Bedrückendes und tief Verdrängtes. Quälend tauchen plötzlich wieder die Tiger auf – im Traum, denn es gibt tatsächlich, wie der Titel sagt, keine Tiger in Afrika. Selly greift zum einzig möglichen Mittel, um seine Verwirrung ertragen zu können: Er geht allem aus dem Weg. Er schwänzt Schule und schweigt, tagelang.

Eines Tages sitzt Selly an seinem Zufluchtsort, der Schlucht von Clifton. Er denkt, grübelt, träumt von Johannesburg. Da sieht er die Mutter mit einem Liebhaber in einem Haus verschwinden. Einem schwarzen Liebhaber, und eine halbe Welt bricht zusammen. Verwirrt geht Selly nach Hause. Dort erwartet ihn der Anblick seines Vaters, der hemmungslos weinend auf dem Bett sitzt, über den geschäftlichen Mißerfolg, den mißglückten Neubeginn. Und jetzt bricht die andere Hälfte der Welt in sich zusammen. Selly versucht, sich umzubringen. Die folgende Seite im Buch bleibt weiß und leer.

Norman Silver überrascht immer wieder mit der Beiläufigkeit, der scheinbaren Beliebigkeit, mit der er ein südafrikanisches Panorama in Rückblenden zeichnet und gleichzeitig ein entsetzliches Erlebnis aus der Erinnerung Sellys herausmeißelt. Langsam, Stück für Stück, bis es endlich bloßliegt. Dafür leiht er Selly eine Sprache, in der ein Jugendlicher denkt und der Erwachsene sich ankündigt, ein Idiom aus halbstarkem Kraftjargon und Kunst, aus sprudelndem Geplapper und hintergründigem Philosophieren. Und wo die Sprache des Jungen versagt, stellt ihm Norman Silver die Dichter zur Seite. Mit Bildern, die Unfaßbares zeigen und Unaussprechliches abbilden.