Daß theoretische Physiker oft eine Abneigung gegen experimentelle Apparaturen haben, ist bekannt. Bei dem Quantentheoretiker Wolfgang Pauli nahm das allerdings so krasse Formen an, daß Kollegen schon über den „Pauli-Effekt“ witzelten und meinten, er brauche ein Laboratorium nur zu betreten und schon zerbreche ein empfindliches Gerät. Beispiel dafür ist ein erstaunliches Erlebnis. Als im Labor des Göttinger Physikers James Franck eine komplizierte Apparatur zerbrach, schrieb er scherzend an den in Zürich lebenden Pauli, zumindest in diesem Falle könne der „Pauli-Effekt“ ja wohl nicht verantwortlich gemacht werden. Das Lachen blieb Franck vermutlich im Halse stecken, als er Paulis Antwort erhielt: Er habe sich damals auf einer Reise nach Kopenhagen befunden und gerade zum Zeitpunkt des Mißgeschickes hatte sein Zug Aufenthalt in Göttingen!

Wie interpretieren Sie die Geschichte? Ist das nur ein verblüffender Zufall? Oder stecken dahinter unbekannte Zusammenhänge? Vertreten Sie eher die zweite These, dann dürften Sie ein potentieller Leser des Buches „Synchronizität“ sein, dessen Autor, der Physiker F. David Peat, das „sinnvolle Zusammentreffen kausal nicht verbundener Geschehnisse“ untersucht. Da der Verfasser seinen Sachverstand bereits anhand mehrerer gut leserlicher Bücher dokumentiert hat, erwartet man eine nüchterne Analyse solcher Phänomene, die mystizistische Spreu vom wissenschaftlich erwiesenen Weizen trennt.

Das Anfangskapital scheint diese Ansicht zu bestätigen. Hier erfährt man von der Zusammenarbeit des Psychologen C. G. Jung und des Physikers Pauli, die beide daran interessiert waren, verborgene Symmetrien oder eine innere Harmonie der Natur aufzudecken. Das berühmte Pauli-Prinzip offenbart eine solche Symmetrie in der atomaren Welt, indem es besagt, daß zum Beispiel in einem Atom keine zwei Elektronen den exakt gleichen Zustand einnehmen dürfen. Dieses Prinzip (nicht zu verwechseln mit dem eingangs erwähnten „Pauli-Effekt“) beruht nicht auf irgendwelchen zwischen den Teilchen wirkenden Kräften, sondern ist gewissermaßen ein Beispiel einer „akausalen“ Verknüpfung, bei der die Gesamtheit aller beteiligten Teilchen für den Zustand eines Elektrons von Bedeutung ist.

Ein ähnliches Muster meinte auch der Psychologe Jung entdeckt zu haben: In einem gemeinsam mit Pauli veröffentlichten Buch definierte er als „Synchronizität“ die „zeitliche Koinzidenz zweier oder mehrerer kausal nicht miteinander verknüpfter Ereignisse, die die gleiche oder eine ähnliche Bedeutung besitzen“. Seine eigenen Erfahrungen mit solch „sinnvollen Gleichzeitigkeiten“ hätten sich von Jahrzehnt zu Jahrzehnt gehäuft.

Mit einer Vielzahl von Beispielen versucht Peat, auch den Leser von solchen Synchronizitäten zu überzeugen. Da gibt es etwa den Patienten, der seinem Psychiater erklärt, er sei der Schöpfer und Zerstörer des Lichts, und im selben Moment wird er von dem von der Zimmerdecke fallenden Beleuchtungskörper außer Gefecht gesetzt. Zufall oder „akausale Verbindung“? Oder was halten Sie von dem Schriftsteller M. F. Mansfield, der 1898 einen Roman über einen ungeheuren Atlantikdampfer namens Titan schrieb, der auf einen Eisberg aufläuft und mitsamt seinen reichen Passagieren sinkt – wenige Jahre, bevor die Titanic dieses Schicksal ereilte?

Peat geht aber noch wesentlich über solche Beispiele hinaus. Aus allen Bereichen der Wissenschaft trägt er Belege zusammen, die zeigen, daß unser altes – auf Ursache und Wirkung basierendes – kausales Denken überholt ist und daß in unserer Welt im Prinzip Platz für synchronistische Phänomene sei. So zitiert er neue wissenschaftliche Theorien, die diesem Denken nahekommen und stark umstritten sind (wie Rupert Sheldrakes „morphogenetische Felder“).

In seinem Bemühen, auf dem Synchronizitäts-Phänomen ein ganzes Weltbild aufzubauen, wird der Publizist allerdings mehr und mehr zum Propheten, der uns in seiner Begeisterung ein wenig zu eindringlich überzeugen will. Wer handfeste wissenschaftliche Beweise oder gar eine Erklärung solch akausaler Gleichzeitigkeiten erwartet, wird enttäuscht sein. Zu vieles verliert sich im Bereich des Philosophischen, und je weiter Peat seine Darstellung entwickelt, um so ganzheitlich nichtssagender wird die Argumentation. Daß alles mit allem verbunden sei – wie oft haben wir’s schon gehört (und wer hat es wirklich begriffen)?

Am Schluß werden unter anderem die abstrakte Logik des Mathematikers Spencer-Brown, die Schöpfungsmythen der Bibel und der Bardo-Zustand der Tibeter, „in dem die kosmischen Kräfte ihr völliges Gleichgewicht finden“, zusammengemischt, und beim Leser bleibt mehr Verwirrung als Klarheit zurück.

Zu Erhellung des eigentlichen Themas, der Synchronizität, trägt dies alles jedenfalls wenig bei. Peat scheint es mehr darauf anzukommen, einen philosophischen Rahmen für solche unerklärlichen Ereignisse zu schaffen. Ob diese allerdings stattfinden, und wenn ja, wann und warum – das muß wohl jeder für sich selbst herausfinden. Ulrich Schnabel

  • F. David Peat:

Synchronizität – Die verborgene Ordnung Scherz Verlag, Bern 1991; 280 S., 19,80 DM