Von Roland Knauer

In wenigen Wochen wird Hans Fricke einen ungewöhnlichen Patienten zur Untersuchung in das Starnberger Krankenhaus bringen. Mit dem Kernspintomographen wollen die Ärzte seinen Körper durchleuchten. Anschließend wird ihn Hans Fricke wohl rasch wieder in die Kühltruhe bugsieren. Bei dem Untersuchungsobjekt handelt es sich um einen tiefgefrorenen Quastenflosser. Einen Meter und vierzig Zentimeter mißt das Exemplar vom Kopf bis zur hinteren Flosse. Und genau die will der Gastwissenschaftler am Max-Planck-Institut für Verhaltensphysiologie in Seewiesen (in der Nähe des Starnberger Sees) besonders gründlich durchleuchten. In dieser Epicaudal-Flosse vermutet Fricke ein Sinnesorgan, mit dem der Fisch seine weitere Umgebung abtastet.

In der Tiefkühltruhe lagern noch elf weitere Quastenflosser, ein sechzig Zentimeter langes Jungtier und zehn ungeborene, dreißig Zentimeter große Fische. Zusammen mit sechzehn Geschwistern holte Hans Fricke sie im Januar aus dem Leib eines trächtigen Weibchens, das im Netz eines japanischen Fischtrawlers vor Mosambik verendet war. Die zwölf Tiere bilden den Grundstock einer Gewebebank, mit der Wissenschaftler aus aller Welt Physiologie, Genetik und Molekularbiologie der Quastenflosser analysieren wollen. Lebhaftes Interesse signalisieren die Kollegen bereits, schließlich zählt "Quasti", wie ihn die Forscher titulieren, zu den urtümlichsten Fischen. Vor vierhundert Millionen Jahren entwickelte sich die Gattung, seit siebzig Millionen Jahren galt sie als ausgestorben. Dann fingen Fischer 1938 vor Südafrika ein Exemplar. In einer versteckten, ökologischen Nische hatte offensichtlich ein lebendes Fossil die Jahrmillionen überdauert, Biologen konnten eine als ausgestorben geltende Art studieren.

Das gelingt aber nur unter Schwierigkeiten. Denn außer den beiden Fängen vor Südafrika und vor Mosambik fanden sie den Quastenflosser bisher ausschließlich vor der Westküste der Komoren-Inseln Grande Comore und Anjouan. Dort leben die Tiere recht verborgen. 1987 bekam Hans Fricke erstmals einen lebenden Quastenflosser vor die Kameras seines Tauchbootes Geo. Erneut lieferte das Tier eine wissenschaftliche Sensation: Quasti schwebte langsam an den Abhängen der vulkanischen Inseln entlang. Damit entlarvte der Forscher eine gängige Lehrmeinung als Legende. Bei der Bearbeitung des 1938 gefangenen Exemplars hatte der Präparator die Flossen nämlich unnatürlich weit nach unten gedrückt, sie wirken daher wie Beine. Die Mär von einem Urfisch entstand, der über den Meeresboden läuft und sozusagen ein Brückentier zu den vierfüßigen Wirbeltieren des Landes darstellt.

Trotzdem bleibt das lebende Fossil natürlich ein interessantes Studienobjekt. Seine wichtige Stellung in der Evolutionsgeschichte unterstreicht der rote Blutfarbstoff. Dessen molekularer Aufbau ähnelt mehr dem Hämoglobin von Kaulquappen als dem anderer Fische. Am besten nimmt das Blut Sauerstoff bei Temperaturen um fünfzehn Grad Celsius auf. Die herrschen bei den Komoren allerdings erst unterhalb von zweihundert Metern, der maximalen Tauchtiefe der Geo. Mit viel Eigenarbeit und Eigenkapital konstruierte Hans Fricke daher zusammen mit seinen Mitarbeitern ein zweites Tauchboot. Die Jago, benannt nach einem Tiefwasserhai des Roten Meeres, schafft mit vierhundert Metern nahezu die doppelte Tiefe wie ihr Vorgänger. Eine neue Expedition stieß nun in die Regionen vor, an die der Stoffwechsel des Quastenflossers bestens angepaßt ist.

Tatsächlich jagt der Urfisch entgegen früheren Annahmen nicht etwa hundert bis zweihundert Meter unter dem Meeresspiegel. Dort hinauf hatten sich die Tiere vermutlich nur vor der Geo geflüchtet, die sie wohl als Verfolger empfanden. Als Hans Fricke einige Tiere von der Jago aus mit kleinen Ultraschallsendern markiert hatte, lokalisierte er diesmal ihren Aufenthaltsort mit einen mobilen Empfänger genau: Quastenflosser schweben in der Nacht die steilen Untersee-Lavahänge der Komoren hinab in die Tiefe.

Ihr Jagdrevier liegt zweihundert bis fünfhundert Meter unter dem Meeresspiegel. Träge treiben die Tiere in der Strömung, nur leichte Schläge ihre; Flossen bugsieren sie in die gewünschte Richtung Wenn sie aber in der zerklüfteten Lavalandschaft auf bisher noch unbekannte Weise einen potentiellen Beutefisch orten, beschleunigen die bis zu zwei Meter langen und hundert Kilogramm schweren Tiere mit 21 bis 26 m/sec hoch 2 auf ihr Opfei zu und schnappen es sich mit einer saugenden Bewegung. Damit sprinten die massigen Quastenflosser schneller los als ein Hecht.