In Hansjörg Schertenleibs Erzählung "Der Schneegarten", zu finden im 1985 erschienenen Band "Die Prozession der Männer", errichtet ein unglücklicher Junge im Garten seines Elternhauses ein labyrinthisches Mauerwerk aus Eis und Schnee, um sich vor der als bedrohlich erlebten Außenwelt zu schützen. Diese Flucht in besinnungslose Einsamkeit und extreme Kälte bildet das melancholische Verhaltensmuster, das in Schertenleibs neuer Erzählung "Der Antiquar" gleich dreifach wiederkehrt. Denn auch die Geschichte des Antiquars Arthur Dold (Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 1991; 190 S., 29,80 DM), den eine schwere Identitätskrise aus seiner Lebensbahn wirft, endet als apokalyptische Kältephantasie. Wie alle Helden Schertenleibs ist Dold ein empfindsamer Träumer und grüblerischer Einzelgänger, der seine Wunsch- und Phantasiewelten sorgfältig gegen den Einbruch der Wirklichkeit abgedichtet hat. Zwischen alten Bildern und Landkarten haust der Antiquar in seinem kleinen Labor der Träume, in dem seine Phantasie ungehindert in utopische Landschaften ausschweifen kann. Als eines Tages abrupt seine Lebenskrise aufbricht, bleibt ziemlich rätselhaft, welche existentiellen Qualen den Antiquar eigentlich bedrängen – unter Entzug an Sinn und Sinnlichkeit leidet er jedenfalls nicht. Über die Verletzungen und Verstörungen seiner Kindheit und über seine verpatzte Ehe, die Schertenleib als traumatische Erfahrungen glaubhaft machen will, hat sich der Antiquar längst mit einer leidenschaftlichen Liebesbeziehung hinweggetröstet. Lernt man Arthur Dold zunächst als vereinsamten Sonderling kennen, so begegnet er dem Leser in einigen Liebesszenen als Maestro ekstatischer Sinnlichkeit. Für solche Widersprüche wird man im zweiten Teil der Erzählung entschädigt. Hier gelingen Schertenleib leuchtende Naturbilder, hier variiert er auf düster-großartige Weise den jahrhundertealten Topos von der Reise ins ewige Eis. Die Binnenerzählung "Zündholz und die Geographie", eine der schönsten und dichtesten Passagen des Buches, antizipiert das Schicksal des Antiquars. Genau wie der stumme Flurin alias "Zündholz", der im Wahnsinn auf Nimmerwiedersehen in einer kalten Winternacht verschwindet, sucht auch Arthur Dold beim Gang über die dünne Eisdecke eines Sees den Kältetod. Der Dritte im Bunde der heillos Kältesüchtigen ist Gadient, der schreibende Geometrielehrer. Er sucht die tödliche Einsamkeit im alpinen Hochgebirge des Engadin. So scheinen Schertenleibs Helden am Ende nur noch eine einzige Leidenschaft zu kennen: das ziellose Gehen im Eis. Die Erzählung läuft aus in expressiven Kältebildern, einer allzu pathetischen Huldigung des Autors an die übermächtige Natur. Michael Braun